Themen
Prof. Cavalli, im Bereich der pharmakologischen Krebstherapie werden neben der klassischen Chemotherapie in jüngerer Zeit auch Immuntherapie und sogenannt intelligente Medikamente angeboten. Welcher dieser Ansätze wird die Krebsbehandlung der Zukunft prägen?
"Die Chemotherapie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg und war bis vor ca. zehn Jahren unangefochten. Seither haben wir nun erste Erfolge mit der Immuntherapie und auch mit intelligenten Medikamenten. Letztere zielen direkt auf die Tumorzellen, sie zerstören also nur noch degenerierte Zellen, nicht einfach alle Zellen, die sich schnell teilen wie die klassische Chemotherapie. Allerdings ist die Krebskrankheit sehr komplex, Krebszellen sind überaus findig dabei, die Wirkungsmechanismen unserer Medikamente zu umgehen. Daher glaube ich, dass wir in absehbarer Zeit eine Kombination dieser drei Methoden der pharmakologischen Behandlung haben werden. Je nach Tumorart werden wir sie in verschiedener Dosierung und in verschiedener Gewichtung einsetzen."
Jeder Mensch kann heute sein Erbgut per Test entschlüsseln lassen. Wie gross ist der Nutzen dieser individuellen Tests für die Krebsvorsorge?
"Momentan sehr klein. Nur drei, höchstens vier Prozent aller Tumoren sind erblich. Diese Tests haben zur Zeit eher mit Hokuspokus als mit seriöser Wissenschaft zu tun, denn sie liefern keine hieb- und stichfesten Daten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Nehmen wir an, sie finden bei 40 Prozent der Patienten mit einem Lungentumor einen bestimmten Gendefekt. Daraus wird dann die Schlussfolgerung gezogen, dass jemand, der diesen bestimmten Gendefekt hat, mit 40 Prozent Wahrscheinlichkeit Lungenkrebs bekommt. Diese Annahme ist aber komplett falsch. Denn die meisten Tumoren haben ihre Ursache nicht in einem einzigen, sondern in sehr vielen Gendefekten. Erst das Zusammenspiel dieser Defekte ruft den Tumor hervor. Das bedeutet, dass eine Person mit dem besagten Gendefekt vielleicht sogar eine geringere Erkrankungswahrscheinlichkeit hat als eine Person ohne die vermeintliche genetische Vorbelastung."
Vielleicht wird es uns in Zukunft einmal möglich sein zu verstehen, wie eine Kombination aus Gendefekten eine Krebserkrankung verursacht.
"In diesem Fall könnten Gentests geeignet sein, Menschen mit einer bestimmten genetischen Disposition zu gezielter Vorsorge zu motivieren. In Sinn von: Du hast eine genetische Disposition für Lungenkrebs, aber indem Du nicht rauchst, kannst Du darauf hinwirken, dass die Krankheit nicht ausbricht. Doch das Schwert ist zweischneidig: Wenn ich dank eines Gentests weiss, dass ich in zehn oder 20 Jahren einen unheilbaren Pankreaskopf-Krebs entwickeln werde, was soll ich da machen? Da schafft der Gentest ein Wissen, das nicht nützt, sondern belastet."
