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1. Juli 2016

„Dringlich ist Aufklärung“

Deutsche Forscher haben in einem Projekt die Auswirkungen der Liberalisierung des Internethandels in Europa auf die Arzneimittelkriminalität untersucht. Der Strafrechtler Prof. Dr. Arndt Sinn erläutert im Interview die Ergebnisse.

Prof. Sinn, Sie leiten das Zentrum für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien an der Universität Osnabrück und haben die ALPhA-Studie zu Medikamentenfälschungen initiiert und koordiniert. Dieser Tage wurden die Ergebnisse der Studie an einer Konferenz vorgestellt. Welches sind die Haupterkenntnisse?
Prof. Dr. Arndt Sinn: "Die Haupterkenntnis ist: Wir haben es mit einem grossen Problem zu tun. Rechnet man den Online- und den Offline-Markt zusammen, beträgt der weltweite Umsatz mit gefälschten Medikamenten laut Schätzungen 66 Mrd. Euro pro Jahr. Das Internet spielt für den Vertrieb gefälschter Medikamente eine Schlüsselrolle. Wir wissen heute auch, dass die Gewinnmargen bei gefälschten Medikamenten extrem hoch sind. Sehr gering ist dagegen leider der Strafverfolgungsdruck in der Europäischen Union und in den europäischen Ländern. Entsprechend bescheiden ist denn auch die Erwartung der Täter, für ihre Vergehen jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden."

Wie kommen Medikamentenfälschungen unter die Leute?
"Zum einen über den Offline-Markt, beispielhaft zu beobachten vor zwei Jahren beim sogenannten 'Herceptin-Fall' in Italien. Die italienische Mafia entwendete Medikamente von Lieferwagen und aus Krankenhäusern, liess diese im EU-Ausland von Scheinfirmen umverpacken, um sie dann in anderen Ländern Europas wieder einzuführen und für teures Geld zu verkaufen.

Daneben gibt es einen grossen, sich oft im Verborgenen abspielenden Online-Markt. Davon erfährt die breite Öffentlichkeit nur selten. In Deutschland geschah diese zum Beispiel mit dem berühmten Fall, den ich mit dem Stichwort 'Potsdam-Komplex' zusammenfasse und der 2015 entschieden wurde. Hier hatte eine aus Tschechien operierende Fälscherbande mit gefälschten Potenzmitteln, Schlankheitsmachern und weiteren Produkten innerhalb von zweieinhalb Jahren 21 Mio. Euro generiert."

Was verstehen Sie unter „gefälschten“ Medikamenten?
"Nach der weiten Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umfasst der Begriff „gefälschte Medikamente“ u.a. alle Medikamente, die die auf der Verpackung deklarierten Wirkstoffe gar nicht oder nicht in korrekter Menge enthalten. Darüber hinaus umfasst die WHO-Definition Medikamente, die zwar die richtigen Wirkstoffe enthalten, die aber nicht von einem autorisierten Hersteller stammen.

Nun könnte man glauben, die zweite Gruppe sei weniger bedenklich, da bei Vorhandensein der richtig dosierten Wirkstoffe ja keine Gesundheitsgefährdung zu befürchten ist. Das ist allerdings zu kurz gedacht, denn wer Medikamente vertreiben darf, der hat auch Kontrollbefugnisse und -pflichten, zudem muss er unternehmens- und branchenweite Sorgfaltspflichten einhalten. Ein Medikamentenfälscher ist an all diese Vorgaben nicht gebunden; das muss zwar nicht zu einer Gesundheitsgefährdung bei den Käufern führen, kann es aber. Ganz abgesehen davon, dass diese Medikamentenfälschungen Urheber- und Markenrechte verletzen und damit die autorisierten Unternehmen schädigen.

Definitiv gefährlich sind dann natürlich Medikamente, die nur die Hälfte des Wirkstoffs, gar keinen Wirkstoff oder einen anderen als den offiziell deklarierten Wirkstoff enthalten. Angenommen, Sie brauchen ein blutdrucksenkendes Mittel, aber in Ihrem Medikament ist gar kein Wirkstoff drin, dann kann das nach einiger Zeit zum Herzinfarkt führen."

Wie häufig sind Gesundheitsschädigungen infolge gefälschter Medikamente?
"Laut Schätzungen der WHO ist jedes zweite Medikament, das online vertrieben wird, gefälscht in dem Sinn, dass es nicht die offiziell deklarierten Wirkstoffe enthält. Besonders beliebt ist, gefälschten Medikamenten zwar den richtigen Wirkstoff oder zumindest einen ähnlichen beizugeben, dies aber in reduzierter Dosierung. Damit wollen die Händler erreichen, dass die Kunden zumindest einen gewissen Effekt spüren – und weiterhin bei ihnen einkaufen."

Sind Leute so naiv, dass sie im Internet gefälschte Medikamente einkaufen und damit ihre Gesundheit aufs Spiel setzen?
"Wir kennen verschiedene Verbrauchergruppen: Vorsichtige, risikoaverse Menschen kaufen ihre Medikamente weiterhin in der Apotheke. Dort erhalten sie in aller Regel einwandfreie Medikamente, selbst wenn gemäss unseren Untersuchungen ca. 10% aller befragten Apotheker schon mal ein gefälschtes Medikament in ihrer Apotheke hatten.

Dann gibt es aber viele Menschen, die im Internet einkaufen wollen und sich dabei von den hochprofessionell aufgemachten Websites der Fälscher täuschen lassen. Diese Webseiten sehen aus wie legale Internet-Apotheken; sie spiegeln dem Verbraucher vor, hier könne er rezeptfreie Medikamente wie Potenzmittel, Schlankheitsmacher und Lifestile-Produkte legal und zu einem günstigen Preis erwerben. Die Fälscher lassen keinen Trick aus, um ihre Produkte an den Mann zu bringen. So wird beispielsweise unter den FAQs auf die Frage, ob ein bestimmtes Medikament rezeptpflichtig ist, kurzerhand geantwortet: „Wir fragen Sie nicht nach einem Rezept.“ Das ist eine Irreführung der subtilen Art, denn die Frage, ob ein Rezept benötigt wird, wird gar nicht erst beantwortet.

Eine dritte Gruppe von Verbrauchern sind jene Leute, die sich nicht um Herkunft und Seriosität der Medikamente kümmern und für ein Schnäppchen selbst ein gesundheitliches Risiko in Kauf nehmen. Oft ist da auch Leichtsinn im Spiel: Gemäss unserer Untersuchungen erwirbt eine nicht geringe Zahl von ganz jungen Menschen im Alter von 20, 25 Jahren Potenzmittel im Internet – nicht etwa, weil sie Potenzprobleme hätten, sondern um während des ganzen Wochenendes „bereit zu sein“."

Ziel Ihres Projekts war insbesondere auch die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen. In welche Richtung muss es gehen? 
"Wir haben in Kooperation mit Zöllnern, Kriminalbeamten, Wirtschaftsvertretern und Apothekern 45 Handlungsempfehlungen beraten. Auf rechtlicher Ebene vordringlich ist eine Harmonisierung des Arzneimittelstrafrechts in der Europäischen Union. Bisher herrscht bei den Arzneimittel-Straftatbeständen eine chaotische Uneinheitlichkeit.

Dringlich ist zudem die Aufklärung der Verbraucher. Der Staat muss sie mit einer Kampagne aufklären, wo sie online legal Medikamente erwerben können bzw. woran rechtmässige Online-Apotheken zu erkennen sind. Demnächst müssen alle Versandapotheken ein EU-Sicherheitslogo auf ihrer Homepage führen. Leider ist das Problem damit nicht behoben, denn erstens ist das Logo längst keine Sicherheitsgarantie, und zweites wissen die meisten Bürger bisher nicht, was das Logo wirklich bedeutet.

Wichtig ist nach unserer Auffassung ferner eine bessere Ausstattung von Polizei, Zoll und Justiz, um Arzneimitttelkriminalität besser ahnden zu können."

Es braucht mehr Aufklärung über Medikamentenfälschungen, sagt Strafrechts-Professor Arndt Sinn. http://bit.ly/29a1FzZ #iph
Strafrechtsprofessor Arndt Sinn
Strafrechtsprofessor Arndt Sinn im Interview zu Medikamentenfälschungen.
 

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