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9. Januar 2017

Kolumne: Unfug mit Umfragen

Das Politbarometer der SonntagsZeitung bietet keine differenzierte Analyse, sondern ist einzig Ausdruck des Buhlens um Aufmerksamkeit und der billigen Effekthascherei, wie sie gerade grosse Medien immer wieder mit Umfragen betreiben.

„Rösti polarisiert weniger als Brunner“, und „Bundesrätinnen geniessen das grösste Vertrauen“ - dies das Ergebnis des sogenannten Politbarometers der SonntagsZeitung zum Jahresbeginn. Es mag sein, dass beide Aussagen zutreffen, doch der Artikel der SonntagsZeitung ist vor allem ein Beispiel für den Unfug, den gerade Medien heute leider immer wieder mit Umfragen anstellen.

Das Kleingedruckte genügt, um die Aussagekraft in Frage zu stellen

Dass Befragungen immer nur Momentaufnahmen sind und entsprechend, selbst wenn sie seriös gemacht sind, „cum grano salis“ zu nehmen und mit Zurückhaltung zu interpretieren sind, weiss ich aus eigener Erfahrung. Das Politbarometer der SonntagsZeitung bietet keine differenzierte Analyse, es ist nicht einmal eine repräsentative Momentaufnahme, sondern einzig Ausdruck des Buhlens um Aufmerksamkeit und der billigen Effekthascherei, wie sie gerade grosse Medien immer wieder mit Umfragen betreiben. Sehr viel über die Methodik des „Politbarometer“ findet man zwar nicht, doch das Kleingedruckte genügt, um die Aussagekraft in Frage zu stellen. Der grösste Fehler ist, eine Umfrage über die Popularität von Bundesräten und Parteipräsidenten nur in der deutschen Schweiz durchzuführen. Angesichts der Sensibilität der Sprachregionen gegenüber Bundesräten wie auch Parteipräsidenten können nicht 30 Prozent der Bevölkerung einfach wegzulassen werden, nur weil die Umfrage so weniger kostet.

Ebenso problematisch ist aber eine Umfrage mit nur 501 Befragten, denn eine so geringe Fallzahl führt einem maximalen Fehlerbereich in den Ergebnissen, welche die geringen Unterschiede in der Popularität der zur Diskussion stehenden Politiker teils obsolet werden lassen. Seriöse Befragungen, die Aussagen für die gesamte Schweiz, inklusive Westschweiz und Tessin, zulassen, arbeiten mit mindestens 1‘200 Befragten, die Europabefragungen, die gfs.bern für die Interpharma durchführt, sogar mit 2‘500 Befragten. Umstritten sind auch die Repräsentativität und damit die Aussagekraft von Online-Befragungen. So weiss man, dass JeKaMi-Befragungen, wie sie 20Minuten und Tages-Anzeiger durchführen, in der Regel vor allem Leute motivieren, die tendenziell oppositionell denken, weder links noch rechts, sondern einfach mal kritisch. Weiter ist erwiesen, dass die Repräsentativität von Online-Befragungen bei Pensionierten am geringsten ist. Dieses Problem anzugehen, beziehungsweise schlicht zu ignorieren, indem man nur die Bevölkerung zwischen 14 (!) und 65 befragt, ist unübersehbar problematisch, angesichts der Tatsache dass der durchschnittliche Urnengänger älter als 55 ist.

Sinkende Qualität der Medien

Von all dem steht im Artikel über das Politbarometer natürlich nichts, was mich darin bestärkt, dass die Kritik des leider früh verstorbenen Kurt Imhof und seines Forschungsinstituts an der sinkenden Qualität der Medien schon seine Berechtigung hat. Es mag sein, dass die Bundesrätinnen grösseres Vertrauen geniessen als ihre männlichen Kollegen, oder dass Albert Rösti weniger polarisiert als Toni Brunner. Aber eine Befragung, die zum Schluss kommt, dass sich die Schweizer Stimmberechtigten bei sämtlichen Politikern mit Ausnahme von Bundespräsidentin Doris Leuthard weniger statt mehr Einfluss wünschen, deutet darauf hin, dass hier wirklich nicht seriös gearbeitet wurde. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Stimmberechtigten seit den letzten Wahlen in 13 von 13 Volksabstimmungen den Parolen von Bundesrat und Parlament gefolgt sind. Misstrauen manifestiert sich anders.

Politbarometer der SonntagsZeitung: Effekthascherei mit Umfragen. http://bit.ly/2jjE2pN #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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