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3. Februar 2017

„Rosa Elefanten sind möglich“

Martin Suter entwirft in seinem neuen Roman 'Elefant' ein geradezu fantastisches Bild von den Möglichkeiten der Gentechnik. Dazu ein Interview mit Prof. Anita Rauch, Direktorin des Instituts für Medizinische Genetik an der Universität Zürich.

Frau Prof. Rauch, in Martin Suters Roman spaziert ein 20 cm grosser, bei Tag und bei Nacht rosarot leuchtender Elefant der Limmat entlang, den Gentechniker zuvor erschaffen haben. Martin Suter behauptet im Nachwort zu seinem Buch, die Erzeugung eines solchen Elefanten sei heute gentechnisch möglich. Jetzt wollen wir es von einer ausgewiesenen Expertin für Medizinische Genetik wissen: Ist so ein Geschöpf tatsächlich möglich? 
Prof. Dr. med. Anita Rauch: Im Prinzip ja. Es gibt Gene, die – wenn sie defekt sind – das Wachstum sehr stark drosseln. So ein kleines Tier könnte prinzipiell entstehen, wenn der entsprechende Gendefekt vorliegt.

Oder man führt den Zwergwuchs durch eine bewusste Manipulation dieses Gens herbei. 
Ja, dafür haben wir heute die Instrumente.

Auch dafür, den Elefanten in Rosarot leuchten zu lassen?
Es gibt Techniken, mit denen man Tiere zum Leuchten bringen kann. Das gelingt durch den Einbau von Farbstoffen in die Zellen. Bei den Techniken, die man bisher erfolgreich angewendet hat, braucht es allerdings eine Stimulierung, das heisst, die Tiere leuchten nicht von selber, sondern nur, wenn sie mit UV-Licht angestrahlt werden. Da hat Martin Suter im Roman noch ein klein bisschen draufgelegt, aber prinzipiell ist es möglich.

Die Erzeugung des kleinen, rosaroten Elefanten wird im Roman schon fast wissenschaftlich akkurat beschrieben: Erst werden einer toten Elefantenkuh Eizellen entnommen und man lässt sie in einer Ratte ausreifen. Dann wird gentechnisch der Leuchtstoff eines Glühwürmchens und das Farbpigment von Mandrillaffen in die Eizellen eingebracht, diese anschliessend befruchtet. Jetzt stehen junge Embryonen (Blastozysten) bereit, von denen eine in die Gebärmutter einer Elefanten-Leihmutter eingepflanzt und von dieser ausgetragen wird. Funktioniert das so?
Ich bin keine Spezialistin für die Reproduktionsmedizin von Elefanten. Aber das geschilderte Vorgehen klingt sehr plausibel.

Barisha – so heisst der Elefant in Suters Roman – ist kleinwüchsig. Damit ist das Fachgebiet angesprochen, in dem Sie forschen...
Der Elefant leidet an einer Erkrankung, die wir in der Realität nur beim Menschen kennen: mikrozephaler osteodysplastischer primordialer Zwergwuchs, abgekürzt MOPD. Die Personen, die von dieser seltenen Erkrankung betroffenen sind, werden nur 50, 60 oder 70 cm gross. Diese Menschen sind also nochmals deutlich kleiner als kleinwüchsige Menschen, wie wir sie kennen und die aus verschiedenen genetischen Gründen üblicherweise nur 130, 140 cm gross werden. Ich habe mit meinem Team vor ein paar Jahren den Gendefekt identifiziert, der MOPD verursacht. Ein Defekt im Perizentrin-Gen hat zur Folge, dass ein für die Zellteilung wichtiges Eiweiss nicht gebildet wird. Zwar springt ein anderes Eiweiss ein, wodurch Zellteilung doch noch möglich ist, allerdings sehr viel schlechter als normal. Deshalb erreichen Menschen mit MOPD nicht die übliche Grösse. Die Betroffenen haben auch ein recht hohes Risiko für Hirnblutungen, denn die Blutgefässe, die das Gehirn versorgen, sind an manchen Stellen zu dünn, an manchen Stellen zu breit. So kommt es zu oft tödlich verlaufenden Komplikationen.

MOPD ist eine Krankheit, die durch einen Defekt in einem einzigen Gen verursacht wird. Liesse sich dieses defekte Gen im Embryo reparieren, entstünde daraus also ein gesunder Mensch?  
Theoretisch ja. Man hat auch bei anderen monogenen Krankheiten schon versucht, die Krankheit auf diesem Weg zu heilen. Von diesem Ziel sind wir allerdings noch weit entfernt. Wir haben die Nebeneffekte, die der Eingriff ins Erbgut mit sich bringt, bisher nicht im Griff. Mitunter zieht der Eingriff neue Defekte im Erbgut nach sich. Es gibt noch viele ungeklärte Fragen.

Viele Wissenschaftler lehnen solche Korrekturen vor der Einpflanzung ganz grundsätzlich ab. Sie verzichten aus ethischen Gründen, an der Keimbahn beim Menschen rumzuspielen, was in der Schweiz im übrigen auch verboten ist. Glücklicherweise gibt es einen alternativen, ethisch weniger problematischen Weg, um MOPD zu vermeiden: Man kann die befruchtete Eizelle vor der Einpflanzung in die Gebärmutter mit Präimplantationsdiagnostik auf MOPD untersuchen und dann nur die gesunden Embryonen verwenden.

Martin Suters Gentechniker haben den rosaroten Elefanten mit CRISPR/Cas9 erschaffen, einem erst seit wenigen Jahren bekannten Verfahren, mit dem sich das Erbgut von Tieren, Menschen und Pflanzen relativ einfach und kostengünstig verändern lässt. Brauchen Sie dieses Verfahren in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit? 
Wir untersuchen damit vor allem Störungen, die entweder die geistige oder die körperliche Entwicklung beeinträchtigen. Wir erforschen diese genetisch bedingten Krankheiten in Zelllinien oder im Tiermodell mit Zebrafischen. Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze: Entweder man nimmt eine Zelle mit einer Mutation, entfernt die Mutation mit der Genschere CRISPR/Cas9 und schaut dann, wie diese Zelle nachher funktioniert. Oder umgekehrt: Man nimmt eine gesunde Zelle, verpasst dieser mit CRISPR/Cas9 eine Mutation und schaut dann, was sich dadurch verändert.

Mit CRISPR/Cas9 gelingt uns die Veränderung des Erbguts präziser, schneller und einfacher als mit bisherigen Methoden. Doch genetische Forschung bleibt auch mit CRISPR/Cas9 eine mühsame, kleinteilige Arbeit. Nicht jeder Eingriff ist erfolgreich, und wir lösen mitunter auch Effekte aus, die wir nicht auslösen wollten.

In Martin Suters Roman ist der Gentechniker Roux ein gewissenloser, von Rache getriebener Schuft. Der Autor lässt aber auch seine Sympathie für medizinische Anwendungen der Gentechnik etwa bei Alzheimer oder Krebs durchblicken. Wo sehen Sie in Ihrem persönlichen Arbeitsgebiet Chancen, dass der Einsatz der Genschere CRISPR/Cas9 zu einem handfesten medizinischen Fortschritt für Patientinnen und Patienten führt?
Für Patientinnen und Patienten mit seltenen Erkrankungen ist es erst einmal wichtig zu wissen, was sie überhaupt haben. Für die Betroffenen und ihre Familien ist es das Schlimmste, wenn sie nicht wissen, was los ist und welche Komplikationen auftreten können. Die CRISPR/Cas9-Methode hilft, die Ursachen von Erkrankungen aufzuklären und den Krankheitsverlauf abzuschätzen. Es ist ein medizinischer Fortschritt, eine Krankheit überhaupt zu verstehen.

Der nächste Schritt ist dann die Entwicklung möglicher Therapien. Das muss nicht zwingend eine genetische Heilung sein. Der Fortschritt kann auch darin bestehen, herauszufinden, dass Medikamente bei bestimmten Mutationen eine gute Wirkung haben.

Martin Suter geht in seinem Roman listig vor: Zwar stehen seine Hauptfiguren der Gentechnik teilweise ablehnend gegenüber. Zugleich weckt der Autor beim Leser aber eine starke Sympathie und Faszination für dieses wundersame, künstlich geschaffene Wesen. Hand aufs Herz: Wenn es diesen süssen kleinen Elefanten tatsächlich geben würde, hätten Sie ihn dann nicht gern als Haustier bei sich zuhause?
(lacht) Menschen haben Haustiere ja schon immer nach ihren Vorstellungen gestaltet – nicht mit gentechnischen Methoden, aber durch Züchtung. Die Haustiere, wie wir sie kennen, sind ja in der Natur so nicht vorhanden. Ich persönlich habe keine Haustiere. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass kleine, rosarote Elefanten grossen Anklang finden würden....

Medizinprofessorin Anita Rauch erläutert die Hintergründe zu Martin Suters #Gentech-Roman 'Elefant'. http://bit.ly/2jJRT8y #iph
Prof. Anita Rauch
Prof. Dr. med. Anita Rauch.
 

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