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10. Februar 2017

Elektronisches Patientendossier – Wirkung ohne Nebenwirkung?

Datenschutz, Gesundheitsdaten, Chancen der Digitalisierung – waren Themen, die am diesjährigen MediApéro der Firma Bayer diskutiert wurden. Aus unterschiedlicher Sicht äusserten sich Experten zum elektronischen Patientendossier.

Fast alle Menschen erzeugen heute Gesundheitsdaten ausserhalb des Gesundheitssystems, zum Beispiel mit Apps, Smartwatches, Fitnessbänder oder bei Internet-Suchen. „Wir sehen uns heute einer enormen Menge an Gesundheitsdaten gegenüber, die teilweise schlecht geschützt sind, aber auch kaum genutzt werden können“, sagte Mathis Brauchbar vom Verein Daten & Gesundheit. Gesundheitsdaten können einen hohen Nutzen haben, etwa um die Forschung voranzutreiben, eine präzise Diagnostik und individuellere Behandlung zu entwickeln und um schliesslich die Gesundheitsversorgung qualitativ zu verbessern. Voraussetzung dafür ist der Austausch und das Zusammenführen sowie Anonymisieren der Gesundheitsdaten.

Potenzial in der Zweitnutzung von Daten

Studien zufolge sind Patienten mehrheitlich bereit, ihre Daten für Forschung und Entwicklung zur Verfügung zu stellen. „In der heutigen Situation können diese Chancen aber nicht genutzt werden“, sagte Mathis Brauchbar und ergänzte: „Die Daten liegen in Silos, die einen Austausch nicht ermöglichen, weil die Datenbanken auf eine geschlossene Datennutzung ausgerichtet sind.“ Das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) habe zwar zum Ziel, den Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern zu verbessern. Die Förderung einer Zweitnutzung sei jedoch nicht vorgesehen. Zudem behandle das elektronische Patientendossier (EPD) lediglich Daten, die im Gesundheitssystem erfasst werden.

Selbstbestimmung für Patientinnen und Patienten

Adrian Lobsiger, eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter, unterstrich die Selbstbestimmung der Patienten. „Patientinnen und Patienten entscheiden, ob sie ein elektronisches Patientendossier haben wollen, und die Daten im elektronischen Patientendossier gehören ihnen.“ Privatsphärefreundliche Voreinstellungen (Default Settings) stellen sicher, dass alle in einer Behandlungskette eingebundenen Gesundheitsfachpersonen nur Zugriff auf die im Einzelfall behandlungsrelevanten Daten haben (Need-to-know-Prinzip). Die Patientinnen und Patienten sind nicht an bestimmte Default Settings gebunden, sondern haben freie Wahl über die Vertraulichkeitsstufen.

Die Idee einer elektronischen Patientenakte erscheine auf den ersten Blick nicht nur zeitgemäss, sondern auch überzeugend einfach, so Dr. Yvonne Gilli, Mitglied Zentralvorstand FMH und Verantwortliche Departement Digitalisierung / eHealth. „Das ist der Grund, warum sowohl von Seiten der Politik als auch von Seiten der Patienten und Patientinnen überhöhte Erwartungen in dieses Kommunikationsmittel gesetzt werden.“ Wenn es um die konkrete Umsetzung geht, entpuppt sich das elektronische Patientendossier jedoch als grosse Herausforderung. Angesichts der komplexen und interprofessionellen Abläufe in der Patientenbetreuung bleibe es auch für bereits digitalisierte Gesundheitsinstitutionen eine kontinuierliche Herausforderung, die elektronische Kommunikation zum Nutzen von Patient und Gesundheitsfachpersonen auszugestalten. Gilli verwies dabei auf die zunehmend beschränkten Ressourcen: IT-Investitionen stünden in Konkurrenz zu vielen weiteren Bedürfnissen.

Elektronisches Patientendossier #EPD: Umsetzung als Herausforderung. http://bit.ly/2lvvwoN #iph
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Das elektronische Patientendossier war Thema am diesjährigen Bayer MediApéro.
 

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