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13. Februar 2017

Kolumne: Genf – wo die Bise weht

Ich weiss nicht, was sich verändert hat, die Stadt oder ich? Aber irgendwie habe ich zu Genf bei meiner Rückkehr einen anderen Zugang gefunden. Liegt es daran, dass ich in meinem Umfeld nur Leute treffe, welche die hohe Lebensqualität loben?

Es war irgendwie merkwürdig und durchaus erfreulich, nach doch ziemlich vielen Jahren nach Genf zurückzukehren. Erfreulich, weil ich eine Stadt entdecke und schon in den ersten zehn Tagen schätzen lerne, die mir bei meinem ersten Aufenthalt fremd geblieben war, als ich in den achtziger Jahren die klassischen Ausbildungstage der Jungdiplomaten in der Rhonestadt absolvierte. Mich interessierte damals das "protestantische" Rom aufgrund meiner wirtschaftshistorischen Seminare bei Prof. Alfred Bürgin an der Universität Basel. Wie Bürgin schätzte ich Genfs Einfluss auf die Entwicklung des Kapitalismus wegen der weltweiten Verbreitung der calvinistischen Lehre bedeutender ein als den Einfluss der Bankiers in Florenz, die das Zinsverbot der Kirche mit ihren Wechselbriefen elegant umgingen. Mich interessierten der Zusammenhang von Calvinismus und Kapitalismus und die Bedeutung der aus Florenz zugewanderten Familie Turrettini.

Ich fühlte mich fremd

All dies beschäftigte mich auch während meines Studiums mit Vorlesungen im idyllischen, im Park am See gelegenen Bau des Institut universitaire de hautes études internationales , heute das Geneva Institute for Graduate Studies, bei Franz Blankart, damals Schweizer Missionschef in Genf, oder bei Arthur Dunkel, dem Generaldirektor des GATT. Aber warm wurde ich nicht mit der Stadt. Ich fühlte mich fremd, sinnbildlich etwa so wie die Romanfiguren in Guy de Pourtalès‘ wunderbarem Sittengemälde “La Pêche Miraculeuse”, wo die kalte Bise durch die Rue des Granges weht und die Türen demjenigen verschlossen bleiben, der nicht dazu gehört. Damit war ich nicht alleine. Genf gehört zwar seit 1815 zur Schweiz, und verfügt in Bundesbern durchaus über Einfluss, ja stellte mit insgesamt fünf Bundesräten zwei mehr als die beiden Basel zusammen, aber als richtig schweizerisch empfinden selbst Freunde aus der Romandie das so internationale Genf nur bedingt.

Einen anderen Zugang gefunden

Ich weiss nicht, was sich verändert hat, die Stadt oder ich? Aber irgendwie habe ich zu Genf bei meiner Rückkehr sofort einen anderen Zugang gefunden. Liegt es daran, dass mich am ersten Morgen die Sonne und ein klarblauer Himmel begrüsst haben und es kaum eine Schweizer Stadt gibt, die mit dem Blick auf Jet d'Eau, See und Mont Blanc konkurrieren kann? Oder dass ich in meinem Umfeld nur Leute treffe - Schweizer und Ausländer, oft schon seit vielen Jahren hier wohnend -, welche die hohe Lebensqualität von Genf loben: die breiten Flanierpromenaden an beiden Seeufern, die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel mit dem ausgezeichneten TPG-App, das vielfältige Einkaufsangebot oder die Gastronomie. Tatsächlich ist Genf nach Zürich nicht nur die zweitgrösste Stadt der Schweiz, sondern sie ist wohl - trotz des rechtspopulistischen Mouvement Citoyens Genevois - die weltoffenste Stadt unseres Landes, multikultureller sicher als Zürich, aber auch als Basel oder Lausanne. Dies gilt nicht nur wegen der internationalen Organisationen sondern auch wegen der Bewohner aus aller Herren Ländern, die man etwa im bahnhofnahen Pâquis findet. 49 Prozent der knapp 200’000 Einwohner verfügen nicht über das Schweizer Bürgerrecht und trotzdem haben – wie in Basel oder der Waadt - über 60 Prozent der Genfer Stimmberechtigten 2014 gegen die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt.

Blau war der Himmel übrigens nur am ersten Tag. Der Winter in Genf ist grauer und windiger als in Basel. Aber geändert hat sich der positive Eindruck bisher nicht.

Rückkehr nach #Genf: Stadt neu entdeckt und schätzen gelernt. http://bit.ly/2lAmZot #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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