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6. März 2017

Kolumne: Fakten statt Angstmacherei

Pro Franken Gesundheitsausgaben in der Schweiz entfällt nur gerade ein Rappen auf Krebsmedikamente, auch wenn der Anteil der Onkologika an den gesamten Arzneimittelausgaben in den letzten Jahren von 10 auf 14 Prozent gestiegen ist.

Die Kosten von Krebsmedikamenten sind in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen, in der Schweiz zu Fabrikabgabepreisen von 445 Millionen auf 775 Millionen Franken. Und in Anbetracht der hoch innovativen Kombinationstherapien, die bis anhin kaum für möglich gehaltene Behandlungserfolge bringen, tut man gut daran, sich Gedanken über neue Preismodelle zu machen. So stellt die Industrie eine Bezahlung nicht einfach pro Therapie sondern abhängig vom Erfolg zur Diskussion. Oder man überlegt, wie bei Kombinationstherapien, wo zwei oder gar drei verschiedene Medikamente zur Anwendung kommen, der relative Mehrnutzen eingerechnet wird und nicht einfach die Einzelpreise dieser Produkte addiert werden. Kritisches Hinterfragen der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen, gerade auch bei Medikamenten, ist legitim. Und deshalb stelle ich mich der Diskussion.

Lebensqualität massiv verbessert

In den öffentlichen Debatten wundere ich mich indes immer wieder über den einseitigen Fokus auf die Medikamente, wie ich es letzte Woche im Kassensturz und Club erlebt habe. Dass der Anteil der Kosten für Krebsmedikamente rascher gestiegen ist als die Medikamentenkosten insgesamt, hat ja einen Grund: Dank neuer Krebsmedikamente kann man heute manche Krebsarten heilen, Leben verlängern oder die Lebensqualität massiv verbessern. Dies zeigt exemplarisch das Beispiel Brustkrebs. Bei HER2-positivem Krebs sind dank Herceptin von zehn Frauen nach zehn Jahren acht noch am Leben; sie können ihrem Beruf nachgehen und ihre Familie unterstützen. Oder das Beispiel der chronisch myeloischen Leukämie, CML: Dank Glivec ist die 5-Jahres-Überlebensrate von 30 auf über 90 Prozent gestiegen. Insgesamt haben heute zwei von drei Menschen, bei denen Krebs diagnostiziert wird, Überlebensraten von mehr als fünf Jahren. Diese Verdienste neuer Behandlungen sind erfreulich, auch wenn sie ihren Preis haben.

Dass aber künftig nur noch reiche Leute Zugang zu Krebsmedikamenten haben, lässt sich mit den effektiven Ausgaben nicht belegen: Pro Franken Gesundheitsausgaben in der Schweiz entfällt nur gerade ein Rappen auf Krebsmedikamente, auch wenn der Anteil der Onkologika an den gesamten Arzneimittelausgaben in den letzten Jahren von 10 auf 14 Prozent gestiegen ist. Bei der prämienfinanzierten Krankenversicherung ist der Anteil der Ausgaben für Krebsmedikamente an den Gesundheitskosten mit gut zwei Rappen etwas höher - eine Verzerrung, weil die Spitäler zur Hälfte über Steuern finanziert werden.

Wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft

Manchmal fühle ich mich wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft, wenn ich frage, weshalb man immer nur über den einen Rappen pro Franken Gesundheitsausgaben spricht, dem ein hoher Mehrnutzen – Heilung, längeres Überleben, mehr Lebensqualität – gegenübersteht, während die andern 99 Rappen kaum Aufmerksamkeit erregen. Zumal der Anteil der Medikamentenkosten an den gesamten Gesundheitsausgaben stetig sinkt. Johann Nestroys Aussage gilt noch immer: “Die Kranken geben bei weitem nicht so viel Geld aus, um gesund zu werden, als die Gesunden, um krank zu werden”. So wird in der Schweiz für vier Milliarden Franken Tabak - die wichtigste Ursache von Lungenkrebs – konsumiert, also fast sechsmal mehr als für sämtliche Krebsmedikamente zusammen.

Wie gesagt, man darf und kann die Preispolitik von Pharmafirmen hinterfragen. Aber zu behaupten, die Kosten für Krebsmedikamente führten unweigerlich zur Zweiklassenmedizin, erscheint mir angesichts der Fakten als reine Angstmacherei.

Pro Franken Gesundheitsausgaben in der Schweiz entfällt nur gerade ein Rappen auf #Krebsmedikamente. http://bit.ly/2mW2iRl #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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