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13. März 2017

Kolumne: Forschung für Ladenhüter

Die Bedrohung durch multiresistente Bakterien, die sich von kaum einem bekannten Antibiotikum mehr kleinkriegen lassen, gilt heute als die vielleicht grösste gesundheitliche Herausforderung in Industriestaaten wie Entwicklungsländern.

„Tierärzte sind teuer, Antibiotika sind billig.“ Das war letzte Woche auf einen kurzen Nenner gebracht die Botschaft eines BBC-Reports zur Problematik der zunehmenden Antibiotikaresistenz am Beispiel eines Bauernhofs in China, wo der Bauer seinen Schweinen regelmässig Antibiotika spritzt, in der Hoffnung sie damit vor Krankheiten zu schützen. Weltweit werden Antibiotika viel häufiger gesunden Tieren verabreicht als kranken Menschen. Das fördert die Resistenzbildung - antimikrobielle Resistenz (AMR) Die Bedrohung durch multiresistente Bakterien, die sich von kaum einem bekannten Antibiotikum mehr kleinkriegen lassen, gilt heute als die vielleicht grösste gesundheitliche Herausforderung in Industriestaaten wie Entwicklungsländern. Auf bis zu zehn Millionen Tote pro Jahr bis 2050 schätzte jüngst eine Studie die Folgen der Antibiotikaresistenz.

Enorme Anstrengungen nötig

Über das Problem besteht Einigkeit, die Lösung aber braucht enorme Anstrengungen und neue Partnerschaften. Dazu gehört eine Deklaration und Roadmap von über 100 Firmen und Organisationen der Pharmaindustrie vor einem Jahr in Davos, gemeinsam das Problem der AMR anzugehen. Vier Aktionsbereiche stehen im Fokus der Erklärung: Das Vermeiden von Umweltbelastungen durch Antibiotika, das zurückhaltende und richtige Verschreiben und Anwenden von Antibiotika in der Landwirtschaft wie Humanmedizin, der Zugang zu (lebensrettenden) Antibiotika in Entwicklungsländern und schliesslich die Forschung und Entwicklung neuer innovativer Antibiotika, die gegen die multiresistenten Bakterien wirken.

Dabei geht es auch um die Frage, wie man Unternehmen dazu bringt, Produkte zu entwickeln und herzustellen, die gar nicht oder so wenig wie möglich verkauft werden sollen – Ladenhüter eigentlich, weil wegen der Gefahr von neuen Resistenzbildungen neue hochwirksame Antiobiotika nur im Ausnahmefall einzusetzen sind. So rechnet eine Firma, die jüngst ein neues Antibiotikum auf den Markt gebracht hat, für ein grosses Land wie Deutschland mit höchstens 500 Patienten im Jahr. Mit den normalen Anreizen wie dem Patentschutz rechnen sich solche Risikoinvestitionen nie. Um das Arsenal der Mittel gegen die multiresistenten Bakterien zu verstärken braucht es neue Anreizstrukturen. Ein Lösungsansatz wäre, dass Pharmafirmen für neue Antibiotika, die kaum oder nur als letzte Möglichkeit verwendet werden, eine Art „Prämie“ erhalten – auch wenn das neue Antibiotikum im Extremfall gar nie eingesetzt wird. Man könnte sich aber auch Mechanismen im Bereich des geistigen Eigentums vorstellen, etwa eine Verlängerung des Patentschutzes, die auf ein anderes Medikament derselben Firma übertragen werden kann.

Teufelskreis der Multiresistenzen

Unbestritten ist aber: Das Problem der AMR ist mit Forschung allein nicht zu lösen. Ohne den richtigen Einsatz von Antibiotika wird auch in Zukunft der Teufelskreis der Multiresistenzen nicht zu überwinden sein. Ebenso unerlässlich sind Präventionsmassnahmen gegen Infektionen, damit Antibiotika gar nicht erst eingesetzt werden müssen. In der Schweiz sieht die Nationale Strategie gegen Antibiotikaresistenzen solche Massnahmen vor. Aber die antimikrobielle Resistenz macht nicht an der Grenze halt und wenn in gewissen Ländern Antibiotika weiterhin frei verkäuflich sind, bleiben unsere Massnahmen nur beschränkt wirksam. Im Kampf gegen antimikrobielle Resistenz braucht es deshalb dringend einen gemeinsamen, globalen Effort von Behörden, NGOs und Industrie.

Um das Arsenal der Mittel gegen multiresistente Bakterien zu verstärken, braucht es neue Anreizstrukturen. http://bit.ly/2lSiHtj #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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