Themen

5. Mai 2017

Kolumne: Brexit, Trump und Le Pen...

Die Ergebnisse des «Edelman Trust Barometers» sind ernüchternd und gewissermassen auch eine Erklärung für Brexit und Donald Trump. Die Eliten vertrauen sich selbst, aber die Bevölkerung hat das Vertrauen in die Eliten zumindest teilweise verloren.

Vertrauen in Personen, Firmen, Institutionen und die Regierung ist eine unerlässliche Basis für das gesellschaftliche Zusammenleben. Vertrauen gewinnt man über die Zeit. Glaubwürdigkeit, Konsistenz und Handeln zeigen, dass man es ernst meint. Vertrauen verlieren kann man ebenfalls über die Zeit, aber auch über Nacht - durch einen Skandal, ein einzelnes Ereignis. Entsprechend nachdenklich haben mich kürzlich die Ergebnisse des «Edelman Trust Barometers» gestimmt. Auf einen kurzen Nenner gebracht lautet der Titel des Barometers 2017: «Vertrauen in der Krise». Es zeigt sich ein gemeinsamer Nenner zwischen Brexit, Trump und Le Pen. Die USA, Grossbritannien und Frankreich sind die Länder, wo der Vertrauensunterschied zwischen Eliten einerseits und der breiten Bevölkerung andererseits am grössten ist.

Kluft so gross wie noch nie

Seit fast 20 Jahren befragen die Experten von Edelman online eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung in 28 Ländern, insgesamt 32'000 Personen, zum einen Durchschnittsbürger über 18 Jahre, zum andern das «informierte Publikum», d.h. die Elite, gekennzeichnet durch folgende Kriterien: zwischen 25 und 64 Jahre alt, Universitätsabschluss, im oberen Einkommensviertel, überdurchschnittlicher Medienkonsum und interessiert an Wirtschaftsfragen. Die Ergebnisse sind ernüchternd und gewissermassen auch eine Erklärung für Brexit, Donald Trump und den relativen Wahlerfolg von Marine Le Pen. Abgefragt wird das Vertrauen in Nichtregierungsorganisationen (NGOs), in die Wirtschaft, die Medien und die Regierung. Während das Vertrauen der Eliten in diese Institutionen in den letzten Jahren noch gestiegen ist, nämlich von 53 Prozent im Jahre 2012 auf 60 Prozent im letzten Jahr, stagniert es bei der Bevölkerung insgesamt bei 45 Prozent. Damit ist die Kluft zwischen Eliten und Bevölkerung heute so gross wie noch nie. Besonders krass ist das Missverhältnis in den USA, wo 68 Prozent des informierten Publikums Vertrauen in diese Insitutionen haben, aber nur 47 Prozent der breiten Bevölkerung.

Konkurrenziert von «Leuten wie du und ich»

Zusammenfassend kann man sagen, die Eliten vertrauen sich selbst, aber die Bevölkerung hat das Vertrauen in die Eliten zumindest teilweise verloren. Dies zeigt sich insbesondere in den Antworten auf die Frage, wem man denn eigentlich vertraut. Historisch waren das die «akademischen Experten». Diese schneiden mit 60 Prozent Vertrauen tatsächlich immer noch recht gut ab, doch sie werden zunehmend konkurrenziert von «Leuten wie du und ich», d.h. Menschen aus der Nachbarschaft, dem eigenen Umfeld, denen man ebenfalls zu 60 Prozent vertraut - ganz im Gegensatz zu CEOs (37 Prozent Vertrauen, -12% zum Vorjahr) und Leuten aus Regierung und Verwaltung, denen man sogar nur zu 29 Prozent (-6% zum Vorjahr) vertraut.

Die Schweiz wird im «Edelman Trust Barometer» nicht erfasst, doch Parallelen gibt es wohl schon. Zwar zeigen Befragungen bei uns immer wieder ein hohes Vertrauen in den Bundesrat, doch dürften gewissen Volksentscheiden wie zu den Minaretten, zur Masseneinwanderungsinitiative oder zur Unternehmenssteuerreform III ähnliche Phänomene zugrundeliegen wie den politischen Entwicklungen in den USA, Grossbritannien oder Frankreich: Das Vertrauen in die staatstragenden Institutionen war schon grösser und die Diskrepanz zwischen Volk und Elite schon kleiner. Unverändert ist – hier und überall – die Notwendigkeit, den Verlust an Vertrauen ernst zu nehmen und ihm durch entsprechendes Verhalten und Handeln entgegenzuwirken.

Vertrauen in Institutionen und Regierungen: Grosser Unterschied zwischen Eliten und der breiten Bevölkerung. http://bit.ly/2pVGwRY #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

Weitere Themen