Themen

12. Mai 2017

Kolumne: Luxusgüter und Medikamente

Meine Vorbehalte gegenüber dem «WHO Fair Pricing Forum» erwiesen sich als übertrieben, die Diskussion war konstruktiv. Quer in der Landschaft lag jedoch die Reaktion der WHO auf die Frage nach dem Festsetzen eines fairen Medikamentenpreises.

Ich war schon etwas skeptisch vor dem «WHO Fair Pricing Forum» letzte Woche in Amsterdam. Dies nicht nur, weil der Begriff «fair» sehr subjektiv und je nach Betrachter anders interpretiert werden kann. Meine Skepsis wurde auch genährt, weil die rund 300 Teilnehmer ein paar Tage vor der Veranstaltung noch keine Hintergrund-Dokumentation erhalten hatten, sondern sich mit einem Video Teaser begnügen mussten, der in seiner reisserischen Aufmache eher an «Kassensturz» oder die «Arena» erinnerte als an eine Veranstaltung, zu der die niederländische Regierung und die Weltgesundheitsorganisation WHO eingeladen hatten.

Meinungen prallten in manchen Fragen aufeinander

Meine Vorbehalte erwiesen sich als übertrieben. Gewiss prallten die Meinungen in manchen Fragen aufeinander. Während Kritiker am liebsten das ganze System der Pharmainnovation aushebeln möchten, weil ihnen der auf Belohnung des Erfolgs und Patentschutz basierende Wettbewerb profitorientierter Firmen zuwider ist, blieb allgemein unbestritten, dass genau dieses Modell in den letzten zehn Jahren eine Vielzahl von therapeutischen Fortschritten gebracht hat, die nun wieder als Teil des Problems gesehen werden, weil viele der neuen Produkte mit hohen Preisen verbunden sind. Ja, es gab sogar Konsens in mindestens zwei Fragen, nämlich beim Handlungsbedarf bei Medikamenten-Engpässen und bei der Bedeutung alternativer Geschäftsmodelle, wo der klassische Marktansatz nicht funktioniert.
All das und noch mehr war konstruktiv. Quer in der Landschaft lag für mich die Reaktion der WHO auf die Frage nach dem Festsetzen eines fairen Medikamentenpreises. Sie wurde am Forum gar nicht umfassend diskutiert, doch hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber abzustimmen. Vier Optionen standen zur Wahl: Ein Preis, der für alle bezahlbar ist, ein Preis, der den Herstellen attraktive Renditen bringt, ein Preis, der den therapeutischen Nutzen widerspiegelt, und ein Preis, der auf den Kosten von Forschung und Entwicklung sowie den Markteinführungskosten des Produkts basiert. Das Ergebnis fiel offensichtlich anders aus, als es die Organisatoren erwartet hatten. Eine relative Mehrheit (41,5 Prozent) entschied sich für die nutzenorientierte Preisbildung. Doch dieser Ansatz fand in der weiteren gesteuerten Debatte keinen Niederschlag. Mehr noch: Die Vertreterinnen und Vertreter der WHO wiesen die nutzenbasierte Preisbildung in ihrem Medienbriefing nach dem Forum vehement von sich.

Kosten-Nutzen-Relation eines Medikaments

Ihre Argumentation war eher erstaunlich. Nutzenbasierte Preise könne man vielleicht bei Luxusgütern, dem Maserati oder der Louis-Vuitton-Handtasche haben, aber sicher nicht bei Medikamenten. Ganz abgesehen davon, dass gerade Luxusgüter ihre eigenen Preisgesetze haben, indem sie oft mit steigenden Preisen stärker nachgefragt werden, und abgesehen davon, dass der Nutzen einer Luxusuhr oder -handtasche kaum messbar ist, stellt sich die Frage, wie anders denn ein «fairer» Preis zustande kommen soll. Um den therapeutischen Nutzen eines Medikaments zu bestimmen, gibt es gute Grundlagen, ebenso über die Kosten-Nutzen-Relation eines Medikaments. Dies war auch ein Grund, weshalb sich so viele Teilnehmer dafür aussprachen.

Dass man sich mit der Bezahlbarkeit auseinandersetzen muss, weil diese in armen Ländern weit geringer ist als in reichen, ist unbestritten. Aber die Vehemenz der Ablehnung einer Position die sachlich begründbar ist, erstaunte dann doch, zumal man betreffend ernsthafte Alternativen ziemlich ratlos schien.

WHO Fair Pricing Forum: Wie wird ein fairer Medikamentenpreis festgelegt? http://bit.ly/2rhsic8 #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig

Kommentare

Luxus-Güter braucht man nicht - Medikamente jedoch schon. Jeder möchte das beste Medikament mit dem grössten Nutzen.

 

Weitere Themen