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18. Mai 2017

Genanalysen für den Spitalalltag

Kennt man das Erbgut eines Menschen, kann man ihn im Krankheitsfall wirkungsvoller behandeln, aber auch besser gegen Erkrankungen vorbeugen. Ein neues Zentrum in Genf will die dafür erforderliche Genomsequenzierung im grossen Massstab durchführen.

Der Campus Biotech im Genfer Stadtteil Sécheron beherbergt heute verschiedene Forschungseinrichtungen im Bereich Life Sciences, darunter Ableger der Universität Genf, des Universitätsspitals Genf und der ETH Lausanne (EPFL). An dem Standort geht nun ein Genomzentrum in Betrieb, das in dieser Art bisher einmalig ist für die Schweiz. Das Zentrum widmet sich der Entschlüsselung und Analyse des Erbguts zunächst von Patientinnen und Patienten, die in den Universitätsspitälern von Genf (HUG) und Lausanne (CHUV) beziehungsweise im Berner Inselspital behandelt werden. Längerfristig sollen alle Schweizer Spitäler einbezogen werden, da das Genomzentrum als landesweit führende Institution für Medizin auf den Grundlagen des Erbguts ('genomic medicine') dienen soll. Die Sequenzierung des Erbguts soll Fortschritte in der personalisierten Medizin ermöglichen. Darunter sind auf den individuellen Patienten zugeschnittene Präventionsmassnahmen und Behandlungen zu verstehen, die nach Auskunft der Gründer des Genomzentrums zu wirksameren Therapien führen und das Wachstum der Gesundheitskosten dämpfen werden.

Fokus Krebsbehandlung

Das Genfer Genomzentrum wird ab Sommer 2017 in der Lage sein, 60 bis 80 komplette Genome (Erbgut eines Menschen) zu entschlüsseln. Das ist eine Analysekapazität, die an keinem Ort in der Schweiz bisher erreicht wird und als erster Schritt zu noch viel grösseren Volumina zu verstehen ist, wie die Verantwortlichen der neuen Einrichtung betonen. Von dem Einblick in das Erbgut sollen insbesondere Krebspatientinnen und -patienten profitieren, sagt Didier Trono, Professor an der ETH Lausanne und Experte für personalisierte Medizin: „Die Onkologie ist das erste unmittelbare Anwendungsgebiet für die gewonnenen genetischen Informationen. Sie können hier dazu genutzt werden, eine Krebsbehandlung an die im jeweiligen Tumor vorhandenen Mutationen anzupassen. Darüber hinaus kann die Sequenzierung des Erbguts benutzt werden, um festzustellen, ob ein bestimmter Patient in unerwünschter Weise auf bestimmte Medikamente reagieren wird.“ Ein weiteres Anwendungsfeld liegt laut Trono bei der frühen Erkennung von genetischen Erkrankungen wie zum Beispiel der familiären Hypercholesterinämie. „Diese seltene Erbkrankheit geht bei Männern ab 50 und bei Frauen ab 60 mit einem stark erhöhten Infarktrisiko einher. Wenn wir dank Genomsequenzierung wissen, dass eine Person dieses Erkrankungsrisiko hat, kann dem Infarkt heute mit Diät und Medikamenten wirksam vorgebeut werden.“

Stark wachsende Nachfrage

Das neue Genomzentrum in Genf ist Teil der Initiative 'Health 2030', die sich zum Ziel gesetzt hat, Forschung, Ausbildung und Dienstleistungen im Bereich der digitalen und personalisierten Medizin in der Westschweiz zu fördern. Das Genomzentrum hat den Anspruch, sich in der Schweiz als führendes Zentrum für die Genom-Sequenzierung zu etablieren. „In der Startphase wird die Einrichtung durch Subventionen unterstützt, anschliessend wird sie sich durch Servicegebühren selber finanzieren“, sagt Didier Trono. Die Medizin werde in Zukunft immer stärker auf das Erbgut der Patientinnen und Patienten abstellen, sind die Promotoren des Genomzentrums überzeugt. Sie rechnen daher bei Schweizer Spitälern mit einer exponentiell wachsenden Nachfrage nach Genomsequenzierung.

Genfer Genomzentrum sequenziert Patienten-Erbgut, um Krebs und andere Krankheiten wirksamer zu behandeln. http://bit.ly/2qUmVTk #iph
Promotoren des Genfer Genomzentrums: Prof. Didier Trono (EPFL, links) und Denis Hochstrasser
Promotoren des Genfer Genomzentrums: Prof. Didier Trono (EPFL, links) und Denis Hochstrasser
 

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