Themen

30. Juni 2017

"Wir haben mehr Zeit für die Kunden"

Die gegen 1800 Apotheken in der Schweiz spielen eine zentrale Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten. Apothekerinnen und Apotheker sind weit mehr als Medikamentenverkäufer. Das zeigt das Beispiel von Beate Brozek anschaulich.

Im Norden der Stadt Zürich, direkt hinter der Stadtgrenze, entsteht in der Gemeinde Opfikon zur Zeit ein neues Quartier mit Wohnungen und Gewerbe. Rund 7000 Menschen sollen hier im Glattpark einmal wohnen. Ein neuer Stadtteil braucht Einkaufsgeschäfte, Schulen, Freizeitangebote – und eine Apotheke. Die Glattpark-Apotheke wurde am 14. Dezember 2014 eröffnet. Da das Geschäftslokal damals neu erbaut wurde, lag es nahe, dieses mit modernster Technik auszurüsten. So verfügt die Apotheke über ein vollautomatisiertes Medikamentenlager mit rund 20'000 Produkten.

Mehr Zeit für die Kunden

Die Technik vereinfacht nicht nur die Lagerhaltung, sondern dient auch dem Verkauf: Wenn eine Kundin in der Glattpark-Apotheke zum Beispiel ein Mittel gegen Migräne kaufen will, kann sie aus einem grossen Sortiment von Schmerzmitteln auswählen. Diese sind an der Wand hinter der Kasse nicht aufgereiht, sondern erscheinen dort auf einem raumhohen Touch-Screen. Entscheidet sich die Kundin dann zum Beispiel für ein Saridon forte, tippt die Apothekerin auf dem Screen mit dem Finger auf die entsprechende Verpackung, und innert Sekunden liegt das Kopfweh-Mittel in der Ausgabeschublade. Der Touch-Screen liefert bei Bedarf auch Informationen zu Indikation oder Dosierung. Und in der Ecke des Bildschirms erscheint ein Magnesium-Präparat, das sich zur unterstützenden Behandlung der Migräne anbietet. „Wir waren die zweite Apotheke in der Schweiz, in der dieses System zu Einsatz kam. Ich schätze es sehr, denn man muss nicht ständig ins Lager rennen, sondern bleibt im direkten Kontakt mit dem Kunden und hat mehr Zeit für ihn“, sagt Beate Brozek.

Beate Brozek ist die Geschäftsführerin der Glattpark-Apotheke. „Offen, einfühlsam, persönlich und dicht am Kunden“, so umschreibt die geborene Deutsche das Selbstverständnis, mit dem sie die Apotheke führt. Kundennähe hat hier noch eine ganz besondere Bedeutung: Mit der Zusatzausbildung als „Apothekerin für integrierte Versorgung“ kann die Apotheke in gewissem Umfang nämlich auch rezeptpflichtige Medikamente an Kundinnen und Kunden abgeben, ohne dass diese das Rezept eines Arztes vorlegen müssen. Vielmehr übernimmt in diesen Fällen die Apothekerin die Funktion eines Arztes, indem sie selber über die Abgabe des Medikaments entscheidet. „Wir wollen keine Ärzte sein, aber erste Anlaufstelle für gewisse verbreitete Krankheiten bei Erwachsenen sowie bei Kindern“, sagt Beate Brozek.

Kompetente Triage

Die Möglichkeit zur direkten Abgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten ist auf rund 25, relativ häufige Krankheiten beschränkt. Eine solche Krankheit ist das atopische Ekzem, auch bekannt als Neurodermitis. Kommt eine Mutter zum Beispiel mit einem von Neurodermitis betroffenen Sohn in die Apotheke, bittet die Apothekerin die beiden in den Beratungsraum, der an den Verkaufsraum angrenzt. Dort erfragt sie die Krankheitssymtome und entscheidet anhand eines Leitfadens über die Medikation. Ist eine vertiefte Abklärung erforderlich, wird die Mutter mit ihrem jungen Patienten an die Medgate-Telefonberatung oder an einen Arzt überwiesen. Die Beratung wird dokumentiert, damit die Behandlung später bei Bedarf rekonstruiert werden kann. „Wir helfen bei Fällen, die nicht dramatisch sind. Die Menschen fühlen sich wohl bei uns und sind vielleicht sogar etwas lockerer als bei einem Arzt, dem viele Menschen noch immer als Respektsperson begegnen.“, betont Beate Brozek. „Die Kunden schätzen unsere Dienstleistung, weil wir an sechs Tagen die Woche verfügbar sind. Unser Angebot ist auch deshalb willkommen, weil wir in der Stadt Zürich zu wenig Kinderärzte haben.“ Pro Beratung wird eine Gebühr von 15 Franken fällig, die nur in Ausnahmefällen von der Krankenkasse übernommen wird. Hier würde sich Beate Brozek ein Entgegenkommen der Kassen wünschen.

Das Beratungsangebot richtet sich an Mütter und Vätern und ist Teil eines Konzepts, das im Begriff 'Kinderapotheke' zusammengefasst wird. Die Glattpark-Apotheke hat ein Vollsortiment, verfügt dabei aber noch über eine besondere Vielfalt bei Produkten für Babys und Kinder. Oder mit den Worten des Werbeflyers: „Von Allergien über Atemwegsinfektionen, Ernährungsfragen, Hautproblemen, Impfthemen, Magen-Darm-Erkrankungen bis hin zur Zahnpflege können wir die kleinen Menschen und das betreuende Umfeld kompetent beraten.“ Dafür hat das Team berufsbegleitend einen zweijährigen medinform-Kurs besucht. Die Firma medinform bietet unter anderem Weiterbildungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Apotheken an, die sich mit einer vertieften Kompetenz in dem Bereich Atemwege, Haut oder Kinder profilieren wollen.

Ein Beruf im Wandel

Beate Brozek ist in der Nähe der deutschen Stadt Göttingen aufgewachsen. Sie liess sich zur Apothekenhelferin und pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA) ausbilden, bevor sie die Matura nachholte und in Hamburg Pharmazie studierte. 2004 kam sie in die Schweiz und übernahm ein Jahr später die Geschäftsleitung einer TopPharm-Apotheke in Münchwilen (TG). Im Dezember 2014 wechselte sie in die neue Glattpark-Apotheke in Opfikon, die ebenfalls zu TopPharm gehört. TopPharm ist eine Gruppierung von rund 120 selbständigen, meist inhabergeführten Apotheken, die sich zwecks Einkauf und gemeinsamem Marketing zusammengeschlossen haben.

2,5 Jahre nach der Eröffnung hat die Glattpark-Apotheke viele Stammkunden. Sie hat den Charakter einer Quartierapotheke, zu deren Personal die Menschen ein persönliches, vertrauensvolles Verhältnis entwickeln. Drei Apothekerinnen und fünf Pharma-Assisteninnen teilen sich knapp fünf Stellen. Im Apotheker-Beruf werde heute eine hohe und andauernde Bereitschaft zur Weiterbildung erwartet, sagt Beate Brozek. Sie selber besucht zur Zeit eine Fortbildung, um künftig auch Impfen zu können. „Unser Beruf ist total im Wandel“, sagt Brozek. Ausdruck dieses Wandels ist das Konzept der Kinderapotheke, das erst vier Jahre alt ist und das unter anderem mit der Glattpark-Apotheke Wirklichkeit geworden ist.

Die Serie "Das richtige Medikament zur rechten Zeit" stellt am Beispiel von ausgewählten Personen exemplarisch verschiedene Berufe aus dem Gesundheitswesen vor und zeigt auf, wie die Porträtierten im Alltag mit Medikamenten umgehen bzw. diese zur Heilung von Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Serie erscheint in loser Folge. Hier Teil 1.

Apothekerinnen sind heute weit mehr als Medikamentenverkäufer, wie das Beispiel von Beate Brozek zeigt. http://bit.ly/2u5Uhgf #iph
Beate Brozek leitet die Glattpark-Apotheke mit sieben Beschäftigten
Beate Brozek leitet die Glattpark-Apotheke mit sieben Beschäftigten.
 

Weitere Themen