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3. Juli 2017

Kolumne: Kein Grund für Doomsday-Szenarien

In gesundheitspolitischen Diskussionen fühle ich mich manchmal an den Club of Rome erinnert, wenn aufgrund ähnlich problematischer Methodenansätze prognostiziert wird, das Gesundheitswesen sei nicht mehr finanzierbar.

Als der Club of Rome 1972 in seinem Buch über die “Grenzen des Wachstums” das Versiegen der Erdölquellen innerhalb von 20 Jahren prognostizierte, machte er ebenso Schlagzeilen wie Angst. Man nahm die Prognose ernst. Heute, 45 Jahre später wissen wir, dass dieses Szenario falsch war. Das Problem der “Doomsday”-Autoren war, dass sie aufgrund der damals bekannten Zahlen über Verbrauch und Reserven die Zukunft vorhersagen wollten.

Die gesundheits- und pharmapolitischen Diskussionen verlaufen zuweilen ähnlich, wenn prognostiziert wird, das Gesundheitswesen oder der Zugang zu innovativen Medikamenten seien schlicht nicht mehr finanzierbar. Man verstehe mich nicht falsch: Es ist legitim und auch wichtig, über die Nachhaltigkeit unserer Wohlfahrtssysteme nachzudenken. Die demographische Entwicklung einerseits und die Erfolge der biomedizinischen Forschung anderseits sind für die Gesundheitssysteme auch wohlhabender Staaten eine enorme Herausforderung.

Diskussion ist nicht neu

Wer denkt, die Diskussion ist neu, irrt sich. Mitte der 90er-Jahre befürchtete die dänische Regierung, dass ein hochwirksames Medikament gegen Migräne das Gesundheitsbudget sprengen werde. Denn aufgrund der Hochrechnungen von Preis und Migränepatienten hätte dieses Medikament 20 (!) Prozent der Gesundheitsausgaben, also nicht nur der Arzneimittelausgaben, verschlungen. Damit lag man spektakulär falsch und es kam natürlich nie zur Implosion des Gesundheitsbudgets.

Vergleichbar war in den letzten beiden Jahren die Diskussion über die finanziellen Folgen der neuen Hepatitis-C-Medikamente. Tatsächlich war das neue Medikament, das eine lebensbedrohende Krankheit in acht bis zwölf Wochen heilen kann, für die Gesundheitsbudgets vieler Länder ein Stresstest. Wer aber hier einfach die Preise und Verkäufe im ersten Jahr hochgerechnet hat, unterschätzte die Dynamik des Pharmamarkts, denn es sinken nicht nur die Patientenzahlen sondern auch die Preise. Von den staatlich administrierten Preisen abgesehen führen neue Mitbewerber, die heute in der Regel schon wenige Monate nach der Ersteinführung eines neuen, bahnbrechenden Medikaments auf den Markt kommen, zu Preiswettbewerb. Folge: Die Doomsday-Szenarien der alle Budgets explodierenden Medikamentenausgaben erweisen sich als masslos übertrieben.

Bessere Therapieerfolge

Das Problem ist, dass sich die gesundheitspolitische Diskussion oft auf Preise konzentriert statt auf die Kostenentwicklung insgesamt. So auch bei Hepatitis C, wo die Vermeidung der Kosten von Hospitalisierung oder Transplantationen auf Grund der neuen Medikamente nicht in die Betrachtung einfliessen. Gewiss, wir geben heute wesentlich mehr für die moderne Krebsbehandlung aus als noch vor 20 Jahren, haben dafür aber auch wesentlich bessere Therapieerfolge. Und die Diabetesmedikamente machen heute finanziell gut dreimal mehr aus als vor zwanzig Jahren. Dagegen sind die Kosten für Antihypertonika, also für Herzkreislauf-Medikamente, in Deutschland anteilsmässig auf noch ein Zehntel von vor 20 Jahren geschrumpft. Zur Dynamik des Pharmamarktes gehört es eben auch, dass Medikamente, die in der Medizin noch immer enorm wichtig sind und die Sterblichkeit reduziert haben, nach Patentablauf massiv billiger werden und heute zu Tagestherapiekosten von weit unter einem Franken angeboten werden.

Natürlich hat der medizinische Fortschritt seinen Preis, aber Doomsday-Szenarien aufgrund einer simplen Hochrechnung gehen – zum Glück - meist deutlich an der Realität vorbei.

Der medizinische Fortschritt hat seinen Preis, aber Doomsday-Szenarien gehen an der Realität vorbei. http://bit.ly/2ugegJf #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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