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7. Juli 2017

Wir sollten zusammenarbeiten

Emanuel Roggen ist Drogist aus Leidenschaft. In seinen Drogerien in Romont und Domdidier (beide Kanton Freiburg) verkauft er neben Medikamenten der Schulmedizin eine Palette von 'Hausspezialitäten' aus heimischen Kräutern, die er selber herstellt.

Das Städtchen Romont liegt auf einer Anhöhe. Wer ganz oben vom Schloss ins weite Land blickt, fühlt sich eingebettet in eine schier endlose Hügellandschaft aus Feldern, Äckern und Wäldern. Die Pflanzenwelt mag hier im Freiburgerland den Menschen noch besonders nah liegen. So schwört der eine oder andere Bauer auf pflanzliche Heilmittel, wenn es darum geht, die Tiere im Stall bei Kräften zu halten. Für das Euter eine entzündungshemmende Salbe. Für die geschwächten Hufe einen Balsam aus Olivenöl und Bienenharz. Ein Durchfallpuder für Kuhmägen, eine Nasenpflege für Pferdenüstern  – all das finden die Tierhalter in der Drogerie Roggen an der Rue de l'église im Zentrum von Romont.

Hausspezialitäten für Mensch und Tier

Emanuel Roggen, der Inhaber der Drogerie, führt den Besucher zu einem Regal. Er nimmt eine Packung Pommade "Quartiers des vaches" aus dem Regal. Roggen hat die Eutersalbe für Kälber selber aus Lorbeeröl, Harzsalbe und Schweinefett hergestellt. „Ich habe das Rezept von meinem Grossvater; woher er es hatte, weiss ich nicht“, sagt der 42-jährige Drogist. Die Salbe ist eine vieler Hausspezialitäten. Das sind Mittel, die Roggen im eigenen Labor in Domdidier, wo er eine zweite Drogerie betreibt, aus natürlichen Ingredienzien herstellt. Er baut dabei auf überlieferte Rezepturen, langjährige Erfahrung, aber auch auf die Wünsche und Anregungen seiner Kunden.

Tiermedizin füllt nur eine Ecke in Emanuel Roggens Drogerie. In weiteren Regalen reihen sich Pflegeprodukte für Haut und Haar, Putzmittel, Lederpflegen, Reformprodukte, Getreidekörner, Tee-Mischungen, ätherische Öle – und selbstverständlich eine breite Palette von Heilmitteln zur Selbstmedikation. Hinter dem Verkaufstisch stehen die Fläschchen in Reih und Glied. Jedes von ihnen enthält eine Substanz, die über zwei verschiedene Verfahren (Spagyrik, Urtinktur) aus Heilpflanzen gewonnen wurde. Roggens Drogerie-Mitarbeiterinnnen mischen jeweils eine Handvoll Substanzen zu einem Mittel, das auf die Wünsche der einzelnen Kundinnen und Kunden zugeschnitten ist.

Gesund bleiben steht im Zentrum

„Die Leute, die zu uns kommen, wissen in der Regel nicht, was sie wollen, sondern für was sie es wollen.“ Das kann ein bestimmtes Leiden oder auch nur ein Zipperlein sein. Andere Menschen wollen sich auch nur ihre gute Gesundheit erhalten und besorgen sich bei Emanuel Roggen ein Mittelchen, das Wohlbefinden, Vitalität und Lebensfreude erhalten soll. Naturstoffe, wie sie die Drogerie Roggen anbietet, stossen auf grossen Anklang. Im vorigen Jahr hat Roggens Vater sein Wissen über 50 Heilpflanzen in einem Buch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Band, der seit kurzem unter dem Titel 'Die Geheimnisse des Druiden' auch in deutscher Sprache vorliegt, wurde allein in der Westschweiz 10'000 Mal verkauft.

Wenn es nach Roggens Vater gegangen wäre, hätte Sohn Emanuel Elektroniker werden sollen. Der Sohn aber wollte das werden, was sein Vater war: Drogist. Nach einer Drogistenlehre und dem Besuch der Drogistenschule in Neuenburg stieg Emanuel Roggen 25jährig in den Beruf ein. Die Drogerie in Romont führt er unterdessen seit 17 Jahren. Immer wenn eine Kundin oder ein Kunde den Laden betritt, geht ihm ein fröhliches 'Bonjour' über die Lippen. Nur wenn dieser freundliche Mensch über sich selber spricht, sagt er: „Ich bin ein Extremist.“ Roggen spielt mit dieser Bezeichnung auf seine nicht zu bändigende Leidenschaft an, aus der Fülle der Naturstoffe immer wieder neue Heilmittel zu mischen und zu erproben.

So entstand auch "Parogel", ein Pflegeprodukt für das Zahnfleisch. Roggen hatte den Ehrgeiz, nicht nur den erforderlichen Wirkstoff aus einer Pflanze zu gewinnen, sondern auch das als Trägersubstanz erforderliche Gel natürlich herzustellen. Er pröbelte über Monate – und fand die Lösung schliesslich in einer Verbindung von Quittenkernextrat, Apfelpektin und dem aus Bakterienkulturen gewonnenen Geliermittel Xanthan. „Ich habe in meinem Labor noch ein so dickes Buch voll von Ideen, die ich noch ausprobieren möchte“, sagt Roggen. Der Abstand zwischen Zeigefinger und Daumen zeigt an, dass es sehr viele Ideen sein müssen.

Komplementär denken

Emanuel Roggen mag in der Leidenschaft für seinen Beruf ein Extremist sein, ein Esoteriker ist er nicht. Er weiss um die Grenzen der Selbstmedikamentation mit pflanzlichen Heilmitteln. Wenn Menschen mit schwerwiegenden Beschwerden in seine Drogerie kommen, schickt er sie zum Arzt. Und sollte er einmal einen über den Durst getrunken haben, schluckt er selber gegen den Kater auch ein klassisches Schmerzmittel wie Dafalgan. „Ärzte verschreiben heute Antibiotika und viele andere wichtige Medikamente, wir können dies mit unseren Mitteln nur ergänzen. Den Begriff Alternativmedizin habe ich nicht gern, denn wir haben keine Alternative zur Schulmedizin parat“, sagt Emanuel Roggen. „Wir sollten zusammenarbeiten, um das beste für die Menschen zu erreichen.“


Die Serie "Das richtige Medikament zur rechten Zeit" stellt am Beispiel von ausgewählten Personen exemplarisch verschiedene Berufe aus dem Gesundheitswesen vor und zeigt auf, wie die Porträtierten im Alltag mit Medikamenten umgehen bzw. diese zur Heilung von Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Serie erscheint in lockerer Folge. Hier Teil 2.

Der Freiburger Drogist Emanuel Roggen baut auf die Kraft einheimischer Pflanzen. http://bit.ly/2twDZNw #iph
Emanuel Roggen mit einer von ihm entwickelten Salbe zur Pflege des Zahnfleisches
Emanuel Roggen mit einer von ihm entwickelten Salbe zur Pflege des Zahnfleisches
 

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