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13. Juli 2017

Medizin schrittweise verbessern

Was Ärztinnen und Ärzte bei Krankheit und Unfall an Behandlungen zu bieten haben, ist nicht in Stein gemeisselt, sondern entwickelt sich ständig fort. Mirjam Christ-Crain ist klinische Forscherin am Universitätsspital Basel.

Das Universitätsspital Basel ist eine der grössten Kliniken im Land. Im letzten Jahr wurden 37'000 Austritte nach einer stationären Behandlung gezählt, zudem 551'000 Patientenkontakte im Zuge einer ambulanten Therapie. Rund 1'100 Ärztinnen und Ärzte sowie 2'200 Pflegefachpersonen tun das Menschenmögliche, um Notfallpatienten zu versorgen, Verletzungen und Krankheiten zu behandeln und zu heilen. Die Spital-Pharmazie beschaffte letztes Jahr Medikamente und Diagnostika im Gegenwert von rund 78 Mio. Fr., um diese im Rahmen der besten verfügbaren Therapien zum Nutzen der Patienten einzusetzen.

Doch so gern wir uns auf etablierte Heilmethoden verlassen – die Medizin entwickelt sich immer fort und sucht nach noch wirksameren, noch verträglicheren Verfahren. „Medizin ist keine versteinerte Wissenschaft, mit unserer Tätigkeit können wir sie schrittweise verbessern.“ Das sagt Mirjam Christ-Crain, die als klinische Forscherin am Universitätsspital Basel arbeitet. Klinische Forschung ist jene Forschung, die nicht im Labor stattfindet, sondern im unmittelbaren Kontakt mit Patienten. Mirjam Christ-Crain untersucht Wirkstoffe und Verfahren, die bei der Behandlung zukünftiger Patienten bessere Ergebnisse hervorbringen könnten. Das sind zum Beispiel neue Wirkstoffe, die in pharmazeutischen Laboren entwickelt wurden. Es sind aber auch Untersuchungen zu diagnostischen oder therapeutischen Fragestellungen, die sich direkt aus dem Spitalalltag ergeben haben.

Bessere Therapie von Lungenentzündungen

Was klinische Forschung ist und wozu sie dient, kann Mirjam Christ-Crain aus ihrer Tätigkeit anschaulich erklären. 2009 übernahm die ausgebildete Ärztin eine Forschungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds, auf der sie sich schwerpunktmässig der Forschung widmen konnte. Wenig später lancierte sie eine grosse Studie zum Thema Lungenentzündung: In dieser Studie fand sie mit ihrem Forscherteam heraus, dass es vorteilhaft ist, eine Lungenentzündung nicht nur mit Antibiotika zu behandeln, sondern auch mit Kortison. Die zusätzliche Behandlung mit dem entzündungshemmenden Wirkstoff beschleunigt die Heilung und verkürzt den Spitalaufenthalt. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift 'The Lancet' veröffentlicht, neben dem 'New England Journal of Medicine' das wohl angesehenste Fachmagazin für medizinsiche Forschung.

Um wissenschaftlich zu belegen, dass die mit Kortison ergänzte Behandlung vorteilhaft ist, war ein grosser Aufwand nötig. 800 Patientinnen und Patienten mit einer Lungenentzündung wurden am Universitätsspital Basel und sechs weiteren Schweizer Spitälern in die insgesamt fünfjährige Studie einbezogen. Die Hälfte der Studienteilnehmer erhielt während der siebentägigen Behandlung ihrer Krankheit neben einem Antibiotikum auch Kortison, die andere Hälfte ein Scheinmedikament (Placebo). Erst durch die Auswertung dieser grossen Menge von Patientendaten konnten die Wissenschaftler den statistischen Nachweis erbringen, dass die Behandlung mit Kortison zu einer schnelleren Genesung führt.

Gefragt ist Überzeugungsarbeit

Hinter einer solchen Studie steckt viel Organisation und Detailarbeit. „Das wichtigste ist eine gute Studienplanung“, sagt Mirjam Christ-Crain, „die Zahl der Studienteilnehmer muss so festgelegt werden, dass aussagekräftige Resultate möglich werden, und die Forschungshypothese muss so formuliert sein, dass sie durch die Studiendaten tatsächlich bestätigt oder verworfen werden kann.“ Damit nicht genug: Für die Studie mussten weitere Spitäler für die Mitarbeit gewonnen werden. Hinzu kam der logistische Aufwand, der beispielsweise darin bestand, die Medikamente und die Placebopräparate den Studienzentren jeweils zeitgerecht und in der wissenschaftlich korrekten Verpackung zur Verfügung zu stellen.

Viel Fingerspitzengefühl erfordert bei einer klinischen Studie die Ansprache der Patientinnen und Patienten. Sie müssen in jedem Fall ihr Einverständnis geben, bevor sie in eine Studie einbezogen werden. „Das ist eine Herausforderung, denn wenn jemand mit einer Lungenentzündung notfallmässig ins Spital muss, hat er verständlicherweise andere Sorgen, als sich für eine wissenschaftliche Untersuchung zur Verfügung zustellen“, sagt Mirjam Christ-Crain. Studienärzte müssen daher bei Patienten und Angehörigen viel Aufklärungsarbeit leisten. So galt es im Fall der Kortison-Studie zum Beispiel, sich mit der Angst vor Nebenwirkungen auseinanderzusetzen. Kommt hinzu, dass längst nicht alle Patienten mit einer Lungenentzündung in die Studie einbezogen werden konnten, etwa wenn sie eine Kontraindikation für Kortison aufwiesen.

Ärztin, Forscherin, Managerin

Mirjam Christ-Crain studierte in Basel und Wien Medizin, wurde Fachärztin für Endokrinologie (Hormonlehre), doktorierte in Basel, erwarb später in London einen zweiten Doktortitel (PhD) und wirkt seit 2014 als Professorin für Endokrinologie am Universitätsspital Basel. Schon früh faszinierte sie die wissenschaftliche Tätigkeit. Als sie 2001 nach ihrem Studium vom Gemeindespital Riehen ans Universitätsspital Basel wechselte, widmete sie sich neben der Tätigkeit als Ärztin zur Hälfte der Forschung. Den beiden Aufgaben geht sie auch heute nach: Zum einen arbeitet die dreifache Mutter am Universitätsspital als Ärztin, parallel betreut sie mit einem zehnköpfigen Team aus Doktoranden, Ärzten und Studienassistenten (study nurses) knapp ein Dutzend Forschungsvorhaben. Daneben hat sie die Co-Leitung des Departements Klinische Forschung am Universitätsspital Basel mit Studienärzten, Statistikern und Epidemiologen inne. Unter diesem Dach arbeiten zudem über 100 Leiter von Forschungsgruppen, die am Basler Universitätsspital und weiteren Institutionen (Universitäts-Kinderspital beider Basel, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Kantonsspital Baselland, Kantonsspital Aarau) tätig sind.

Einen weiteren Forschungsschwerpunkt hat Mirjam Christ-Crain bei der Erforschung von Diabetes insipidus, einer seltenen Hormonkrankheit, die mit einer übermässigen Urinausscheidung und einem starken Durstgefühl einhergeht „Ich engagiere mich sehr für dieses Thema, weil es eine vernachlässigte Patientengruppe betrifft“, sagt die Basler Forscherin, die für diese Krankheit eine international gefragte Expertin ist. Ziel der aktuellen Forschung ist die Entwicklung eines Tests, um die Krankheit zukünftig zuverlässiger diagnostizieren zu können. Bei der Untersuchung der Stoffwechselkrankheit begab sich die Forscherin selber in die Rolle der Studienteilnehmerin. Sie liess sich eine bestimmte Substanz spritzen, von der die Wissenschaftler wissen wollten, wie sie den Hormonhaushalt beeinflusst. „Wenn man das tut, weiss man, was auf die Patienten zukommt“, sagt Mirjam Christ-Crain.

Die Serie "Das richtige Medikament zur rechten Zeit" stellt am Beispiel von ausgewählten Personen exemplarisch verschiedene Berufe aus dem Gesundheitswesen vor und zeigt auf, wie die Porträtierten im Alltag mit Medikamenten umgehen bzw. diese zur Heilung von Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Serie erscheint in lockerer Folge. Hier Teil 3.

Mirjam Christ-Crain sorgt als klinische Forscherin dafür, dass medizinische Therapien immer besser werden. http://bit.ly/2t5yLf3 #iph
Prof. Mirjam Christ-Crain arbeitet als Ärztin und Wissenschaftlerin an der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Metabolismus des Universitätsspitals Basel
Prof. Mirjam Christ-Crain arbeitet als Ärztin und Wissenschaftlerin an der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Metabolismus des Universitätsspitals Basel
 

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