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20. Juli 2017

Plötzlich können sie wieder laufen

Wer als Pflegefachperson betagte Personen betreut, darf sich für nichts zu schade sein und muss auch mit schwierigen Charakteren zurecht kommen. Simeon Oehen stellt sich dieser anspruchsvollen Aufgabe jeden Tag aufs Neue mit Humor.

Die Bezeichnung 'Krankenschwester' erinnert an die Zeit, als Pflege noch Frauensache war und oft unter dem Dach einer kirchlichen Einrichtung erbracht wurde. Der Begriff ist aus der Mode gekommen, und das zurecht: Heute beruht Pflege auf einer fundierten Berufsbildung ohne kirchliche Bezüge, und der Beruf wird zunehmend auch von Männern ergriffen, die sich der Pflege und Betreuung von Betagten, Gebrechlichen, Kindern oder Behinderten widmen wollen.

Einer dieser Männer ist Simeon Oehen. Er trägt einen kurz gestutzten Bart, hat fröhliche Augen, und an seinem hellgrünen Shirt prangt ein Schild 'Leiter Team Pflege und Betreuung'. Der 33jährige arbeitet als Pflegefachmann bei der Betagtenzentren Emmen AG, welche in Emmenbrücke, einem Vorort von Luzern, zwei grosse Häuser betreibt. „Ich kümmere mich mit meinem 25köpfigen Team um rund 30 Bewohner, alte Menschen, die zum grösseren Teil mittel oder stark pflegebedürftig sind“, sagt Oehen. Die Tätigkeit umfasst unter anderem Hilfe bei der Körperpflege, beim Gehen, bei der Fortbewegung im Rollstuhl, beim Essen und auch bei der Einnahme von Medikamenten. Oehen und seine Kolleginnen und Kollegen arbeiten „ressourcenorientiert“, was bedeutet: Die älteren Menschen erhalten nur die Hilfe, die sie wirklich brauchen, denn die noch vorhandenen Ressourcen sollen nicht verkümmern. „Wenn sich ein Bewohner noch selber das Gesicht waschen kann, legen wir vielleicht den Waschlappen bereit, den Rest macht er alleine“, nennt Oehen ein Beispiel. In den Morgen- und Abendstunden sind die Pflegefachpersonen besonders gefragt, verfügbar sind sie aber rund um die Uhr während sieben Tagen in der Woche.

Siebenjährige Ausbildung

Simeon Oehen wuchs in Hitzkirch (LU) auf und besuchte die Sekundarschule. Als 14jähriger hatte er ein Praktikum in einem Altersheim absolviert. Als es dann um die Berufswahl ging, liebäugelte er zunächst mit Hochbauzeichner, bis ihm klar wurde, dass er keinen Bürojob wollte, sondern eine Tätigkeit, bei der man mit beiden Beinen auf dem Boden steht und Hand anlegt. So entstand sein Berufsziel diplomierter Pflegefachmann. Er absolvierte die Vorschule für Pflegeberufe, und als er dann 18 Jahre alt war, besuchte er die höhere Fachschule für Pflege (damals noch unter dem Namen DN1 und DN2 bekannt), anschliessend für zwei weitere Jahre die Fachhochschule für Pflege in Bern, die er 2014 abschloss.

Simeon Oehen hat eine solide, insgesamt siebenjährige Pflegeausbildung. Aber die Menschen begeben sich manchmal nur ungern in seine Hände. Das liegt nicht an der Person von Simeon Oehen, sondern daran, dass die Menschen lieber nicht ins Alters- und Pflegeheim möchten. „Wenn jemand ins Heim geht, muss er den eigenen Haushalt aufgeben. Das fällt den meisten sehr schwer, denn sie müssen extrem viel loslassen. Viele denken: Wenn ich ins Heim gehe, bin ich nichts mehr wert. Da liegst du im Bett, bekommst das Essen reingeschoben, und dann wird gestorben. Viele Menschen sehen zu dem Zeitpunkt, wenn sie ins Heim müssen, die Vorteile noch nicht.“

Kleine Wunder werden möglich

Doch es gibt sie, diese Vorteile. Das ist die Erfahrung, die Simeon Oehen während seiner Arbeit immer wieder aufs Neue macht. „Die Menschen kommen immer später ins Heim. Aus diesem Grund geht es ihnen mitunter ziemlich schlecht, wenn sie dann endlich zu uns kommen. Sie essen nicht mehr richtig und nicht regelmässig, und sie vernachlässigen mitunter die Körperpflege.“ Dank der Betreuung im Heim, den geordneten Mahlzeiten, dem harmonischen Rhythmus aus Aktivitäten (wie Gymnastik, Singen, Kochen, Gärtnern) und Ruhephasen geht es den Menschen dann oft wieder besser. „Da gibt es Leute, die tun keinen Schritt mehr, wenn sie zu uns kommen, doch nach einiger Zeit können sie plötzlich wieder laufen“, berichtet Simeon Oehen. Um solche kleinen Wunder möglich werden zu lassen, müssen Simeon Oehen und sein Team die Menschen für das Leben im Alters- und Pflegeheim erst einmal gewinnen. „Nicht jede Person kann sich mit dem Heim anfreunden, aber viele Leute sagen nach einer Angewöhnungszeit: Ich bin jetzt hier daheim.“

Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner braucht es in Alters- und Pflegeheimen, in Spitälern, in Reha-Kliniken, in Kindertagesstätten oder Behindertenheimen. „Man kann den Beruf ein Leben lang machen“, ist Simeon Oehen überzeugt, „aber man muss dafür geschaffen sein.“ Man darf sich für nichts zu schade sein, auch nicht für das Reinigen nach dem Stuhlgang. Zu den Charakterzügen, die man für den Beruf mitbringen muss, zählt der Luzerner Pflegefachmann Empathie, ein gutes Gespür für Nähe und Distanz, und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. In einem Alters- und Pflegeheim sei die Verantwortung vielleicht noch grösser als in einem Spital, denn im Heim sei die Pflegefachperson oft auf sich allein gestellt. Wenn Simeon Oehen eine heikle Situation meistern muss, baut er gern auf seinen Humor: „Wenn ich einen Bewohner zum Lachen bringen kann, sieht die Welt bereits wieder ein Stück besser aus. Lachen hilft, aber man muss dabei natürlich die Eigenheiten der Bewohner kennen, um niemanden vor den Kopf zu stossen.“

Ein Beruf auch für Männer

Als sich Simeon Oehen für die Ausbildung zum Pflegefachmann entschied, wurde er in seinem Entscheid durch einen guten Kollegen bestärkt, der denselben Berufsweg einschlug. Der junge Erwachsene war sich bewusst, dass er sich in einen Beruf vorwagte, der noch immer von Frauen dominiert ist. Gerade in der Langzeitpflege (Heimen) sind Männer noch seltener als in der Akutpflege (Spital). In Simeon Oehens Team kommen zwei Männer auf 25 Personen. Die Mitwirkung von Männern wirke sich positiv auf das Pflegeteam aus, sagt Simeon Oehen, und von den Bewohnern komme fast ausnahmslos positives Feedback. Einzelne pflegebedürftige Frauen bevorzugten für die Körperpflege zwar eine Frau, aber das sei ja gut lösbar. Wenn Simeon Oehens Alters- und Pflegeheim Schnuppertage für Schülerinnen und Schüler veranstaltet, ist er oft mit von der Partie. „Wenn ich hier mitwirke, sehen die Teenager, dass dieser Beruf auch für Männer gemacht ist – und Männer für diesen Beruf.“

Die Serie "Das richtige Medikament zur rechten Zeit" stellt am Beispiel von ausgewählten Personen exemplarisch verschiedene Berufe aus dem Gesundheitswesen vor und zeigt auf, wie die Porträtierten im Alltag mit Medikamenten umgehen bzw. diese zur Heilung von Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Serie erscheint in lockerer Folge. Hier Teil 4.

Dank Pflegefachmann Simeon Oehen werden kleine Wunder möglich. http://bit.ly/2uaDI3s #iph
Pflegefachmann Simeon Oehen
Pflegefachmann Simeon Oehen
 

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