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24. Juli 2017

Kolumne: “Scheitern ist keine Option”

Damit die Wirtschaft vermehrt in Afrika investiert, braucht es stabile politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Investitionen braucht es auch in der Schul- und Berufsbildung, der Gesundheitsversorgung und bei der Familienberatung.

Shitstorms in den Social Media kennt man eigentlich eher von Donald Trump. Doch als Präsident Emmanuel Macron bei seiner Pressekonferenz nach dem Gipfeltreffen der G20 in Hamburg von einem afrikanischen Journalisten gefragt wurde, weshalb man nicht endlich einen Marshall-Plan für Afrika auf die Beine stelle, und er unter anderem die hohe Geburtenrate afrikanischer Frauen als Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung nannte, geriet für einmal Macron massiv in Kritik. Seine Aussage sei schlicht Rassismus, typisch für die europäische Arroganz.

Komplexe Herausforderungen
Wer sich die Pressekonferenz auf YouTube anschaut, stellt fest, dass Macron ein vielschichtiges Problem differenziert auf den Punkt brachte. Er wies auf die Unterschiede zum Wiederaufbau von stabilen gesellschaftlichen und politischen Strukturen im Nachkriegseuropa und den viel komplexeren Herausforderungen in Afrika hin, erwähnte unter anderem den Kampf gegen die Korruption, die Probleme beim Übergang zu demokratischen Strukturen und, eben auch, die im globalen Vergleich unverändert hohen Geburtenraten.

Zum gleichen Schluss kommen Hans Groth vom St. Galler World Demographic and Aging Forum und John F. May vom Population Reference Bureau in Washington in einem Buch über die demographische Herausforderung Afrikas . Wer sich schon heute Sorgen über Migrationsströme aus Afrika macht, tut gut daran, sich mit der demographischen Entwicklung des Kontinents zu beschäftigen. Die Bevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen sind eindrücklich: Bis 2050 erwartet man eine Verdoppelung der afrikanischen Bevölkerung auf 2,5 Milliarden und bis 2100 fast eine Vervierfachung. Gründe sind eine massive Reduktion der Kindersterblichkeit und eine unverändert hohe Geburtenrate von über fünf Kindern pro Frau in sub-Sahara Afrika.

Demographische Dividende entscheidend
Nun hat die Entwicklung zwischen 1960 und 1990 in den “Tigerstaaten” in Asien gezeigt, dass eine wachsende Bevölkerung auch Nutzen bringen kann. Was braucht es, damit auch Afrika eine “demographische Dividende” erwirtschaften kann, fragen sich die Herausgeber des wichtigen Werks zur Demographie in Afrika? 18 Millionen neue Arbeitsplätze pro Jahr schätzt der Weltwährungsfonds - eine Zahl, die utopisch scheint, wenn es nicht gelingt, stabile politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Wirtschaft vermehrt in Afrika investiert. Investitionen braucht es aber auch in der Schul- und Berufsbildung, der Gesundheitsversorgung, bei Beratungsstellen zur Familienplanung und beim Zugang zu modernen Verhütungsmethoden. In diesem Zusammenhang verweisen Groth und May übrigens auf die grosse Bedeutung der Rechte der Frauen. “Scheitern ist keine Option” schreiben sie, denn die Konsequenz wäre eine globale humanitäre und politische Katastrophe mit sozialen Unruhen und wachsenden Migrationsströmen.

Trotz aller politischer und wirtschaftlicher Probleme in manchen afrikanischen Ländern gibt es auch positive Entwicklungen und die Realisierung der “demographischen Dividende” wäre wie bei den “Tigerstaaten” eine “win-win”-Situation für die westliche Welt. Klar braucht Afrika Hilfe, aber zu stabilen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen muss Afrika auch selbst einen Beitrag leisten. In diesem Sinn verdient Präsident Macron durchaus Lob, Klartext gesprochen zu haben.

Stabile politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind wichtig für die Zukunft des Kontinents Afrika. http://bit.ly/2uoLw30 #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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