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27. Juli 2017

Wir lösen 80% der Probleme

Der Arzt – das ist für viele Menschen hauptsächlich der Hausarzt - die erste Anlaufstelle bei körperlichen Beschwerden, war und ist eine Institution. Dr. Eva Kaiser gab ihre städtische Praxis auf – arbeitet nun auf dem Land.

Eva Kaiser ist Hausärztin in Meiringen im Berner Haslital. Doch heute ist sie nicht in ihrer Praxis. Sie besucht einen Ärztekongress in Lausanne. Als sie den Journalisten am vereinbarten Ort trifft, muss sie als erstes von der neuen Studie berichten, die soeben am Kongress vorgestellt wurde: Das Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) der Universität Bern hat junge zukünftige Hausärzte befragt. Das überraschende Ergebnis der Erhebung fasst Eva Kaiser in einem Satz zusammen: „Über die Hälfte will aufs Land!“ Hinzu kommt eine zweite Kernaussage: „Die Jungen wollen im Team arbeiten!“ Sie schliessen sich also lieber mit Berufskolleginnen und -kollegen zu einer Doppel- oder Gruppenpraxis zusammen, als alleine zu arbeiten.

Vom Rheinknie in die Berge

Für Eva Kaiser wecken die Ergebnisse Zuversicht. Sie lassen darauf hoffen, dass die oft beklagte ärztliche Unterversorgung im ländlichen Raum doch noch gestoppt werden kann. Die 53-jährige Hausärztin weiss, wovon sie redet: Sie hatte zwölf Jahre in einer gut laufenden Doppelpraxis in Binnigen (BL) gearbeitet. Binningen ist eine eigenständige Gemeinde, gehört aber zur Agglomeration Basel. Im November 2016 zog Kaiser nach Meiringen. „Ich suchte einen Ort, wo das Team der Gesundheitspersonen, die zusammen arbeiten, überschaubarer ist. Und ich wollte in die Berge!“, erklärt Eva Kaiser, warum sie ihren Arbeitsort vom Rheinknie ins Haslital verlegte.

Jetzt arbeitet sie auf dem Land, gemeinsam mit einem Internisten aus der Oberlausitz, einer ländlichen Region in Ostdeutschland. Neu behandelt sie auch Kinder und übernimmt Aufgaben, die sie in Binnigen gewöhnlich den Spezialisten überliess. „Einer der ersten Patienten im Notfalldienst war ein Mann, der eine Handvoll Sägemehl in die Augen bekommen hatte. In Binnigen wäre er direkt zum Augenarzt gegangen, in Meiringen habe ich mich um ihn gekümmert.“ Kaisers Praxis gehört zum Gesundheitszentrum Meiringen. Unter einem Dach befinden sich dort noch drei weitere Hausärzte mit einem Assistenzarzt, ein Chirurg, zwei Physiotherapeuten, die Ernährungsberatung und die Spitex. Diese Nachbarschaft eröffnet viele Möglichkeiten des interprofessionellen Austauschs und erleichtert die Zusammenarbeit.

Eva Kaiser ist nicht Miteigentümerin ihrer Arztpraxis, sie ist dort angestellt. Als Arbeitgeberin fungiert eine Aktiengesellschaft, die von lokalen Unternehmern getragen wird. Sie haben die Aktiengesellschaft ins Leben gerufen mit dem Ziel, eine attraktive Umgebung für Hausärzte zu schaffen und damit die Hausarztversorgung im Haslital zu erhalten. Das Praxismodell bietet für Eva Kaiser und ihren Kollegen durchaus Vorteile: Sie haben einen (leistungsabhängigen) Lohn und müssen nicht das volle unternehmerische Risiko tragen. Das schätzen viele Ärzte, gerade auch jene aus der jüngeren Generation, die sich nicht mehr ausschliesslich für ihren Beruf aufopfern wollen. Aktiengesellschaften erlauben überdies häufig einen sanften Ein- und Ausstieg bei einer Gruppenpraxis durch Kauf bzw. Verkauf von Eigentumsanteilen.

Von der Geburt bis zum Tod

Eva Kaiser wuchs in der Nähe des Edersees, einer ländlich geprägten Gegend in Nordhessen, auf. Wenn der Lehrer, der Pfarrer und der Doktor Skat spielten, waren die drei Leute versammelt, die im Ort einen speziellen Status hatten – nie voll integriert, aber immer sehr respektiert. Auf dem Land war der Arzt eine Institution, und er ist es heute noch, mehr jedenfalls als in der Stadt. Die Menschen vertrauen ganz auf ihren Hausarzt; die Überweisung zum Spezialisten oder gar ins Spital ist den Patienten oft unwillkommen. In Meiringen hiess diese Institution lange Dr. Häfele. Nach der Pensionierung des beliebten Hausarztes übernahmen zwei Ärztinnen im wochenweisen Jobsharing die Praxis. Doch das Team zerbrach. Da sprangen Eva Kaiser und ihr Kollege in die Bresche. „Meiringen erinnert mich daran, wo ich aufgewachsen bin“, sagt Kaiser. Sie war als Studentin in die Schweiz nach Sarnen gekommen. Später hat sie in Ilanz und Chur gearbeitet, bevor sie nach Binnigen und schliesslich nach Meiringen kam.

Für Eva Kaiser ist ihr Beruf zugleich Berufung. „Als Hausärztin kann ich mich vollständig um einen Menschen kümmern, über seine ganze Lebensspanne hinweg.“ Oft gehört zu dieser Person eine ganze Familie. Nicht umsonst heissen die Hausärzte in der frankophonen Welt 'médecins de famille'. Der Facharzt für Allgemeine Medizin sei „der Spezialist für das Komplexe“, sagt Kaiser. „Wir lösen 80% der Probleme selber, 15% überweisen wir an den Spezialisten und 5% ins Spital.“ Hausärzte sind unabdingbar. Um so bedauerlicher, dass in den letzten Jahrzehnten der Anteil der Medizinstudenten, die Hausarzt werden wollen, stark zurückgegangen ist. Heute sei eine Trendwende zu beobachten, sagt Eva Kaiser. Sie hatte 2006 auf dem Bundesplatz in Bern gegen das Aussterben der Hausärzte demonstriert und engagiert sich im Vorstand des 2009 gegründeten Berufsverbands Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe).

Wie eine Schamanin

Für ihren Beruf nimmt die Mutter eines erwachsenen Sohns auch Beschwerliches in Kauf. Jede Woche übernimmt sie einen Nacht- oder Wochenenddienst. Das fordert zwar Kraft, sei aber nur halb so schlimm, weil die Patienten ihre Freizeit respektierten und sich nur im wirklichen Notfall melden. Das komme entsprechend selten vor. Hinzu kommt einmal pro Woche die Fahrt nach Basel zu ihrer Familie. In ihrer Praxis ist Eva Kaiser dann aber ganz für ihre Patientinnen und Patienten da. „Ich fühle ich mich manchmal wie eine Schamanin“, sagt sie. Nicht, dass sich die Schulmedizinerin plötzlich der Geistheilung verschrieben hätte. Sie umschreibt mit dem Vergleich das spezielle Verhältnis zwischen Arzt und Patient. „Ich habe gelernt, dass als Hausärztin einfach 'da zu sein' bereits eine heilende Wirkung entfaltet. Viele Patienten brauchen gar nicht mehr und verlangen es auch nicht.“


Die Serie "Das richtige Medikament zur rechten Zeit" stellt am Beispiel von ausgewählten Personen exemplarisch verschiedene Berufe aus dem Gesundheitswesen vor und zeigt auf, wie die Porträtierten im Alltag mit Medikamenten umgehen bzw. diese zur Heilung von Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Serie erscheint in lockerer Folge. Hier Teil 5.

Hausärztinnen und #Hausärzte gehen neue Wege – zum Beispiel Dr. Eva Kaiser vom Gesundheitszentrum Meiringen. http://bit.ly/2tEQsOx #iph
Arbeitet gern im Team: Hausärztin Eva Kaiser (zweite von rechts)
Arbeitet gern im Team: Hausärztin Eva Kaiser (zweite von rechts)
 

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