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31. Juli 2017

Kolumne: Irrwitz – aber mit Strategie

Die Akquisition von Neymar mag «irrwitzig» sein, aber sie könnte jenen Status bringen, den man bei Paris St. Germain (PSG) so sehr sehnt. Und sollte diese Rechnung aufgehen, macht die irrwitzige Transfersumme sogar ökonomisch Sinn.

Die Berichterstattung amerikanischer Medien über europäischen Fussball ist eher dürftig, denn «Soccer», wie man das Spiel mit dem Ball in den USA nennt, rangiert in der ökonomischen Wertordnung der USA klar hinter der NBA (Basketball), der NFL (American Football), der MLB (Baseball), der NHL (Eishockey) oder auch Golf. Doch American Football kann fürchterlich Auswirkungen auf die Gesundheit der Spieler haben. Das belegt eine letzte Woche publizierte Studie über pathologische Untersuchungen von 111 verstorbenen NFL-Profis. Bei nicht weniger als 110 davon wurden als Folge der oft brutalen Zusammenstösse Hirnschäden festgestellt - Hirnschäden, die erklären, weshalb frühe Todesfälle, Parkinson oder Alzheimer-Erkrankungen bei Football-Profis gehäuft auftreten. An der Faszination für den American Football und die Super Bowl wird diese ernüchternde Erkenntnis allerdings kaum etwas ändern. Da hat der normale Fussball keine Chance.

Eine halbe Milliarde Franken

Aufmerksamkeit erregt Fussball in den USA allenfalls, wenn es um irrwitzige Transfersummen geht – wie beim möglichen Wechsel von Neymar zu Paris St. Germain (PSG). Ob es dann die anscheinend im Vertrag festgeschriebenen 222 Millionen Euro sind, oder auch «nur» die 180 Millionen, welche die PSG-Besitzer aus Katar zu zahlen bereit scheinen, spielt eigentlich keine Rolle. Denn zählt man für die nächsten Jahre noch das Fixsalär von jährliche 30 Millionen und die 40 Millionen Agentenhonorar für Neymar’s Vater hinzu, kommt man ohnehin auf eine halbe Milliarde Franken. Irrwitzig ohne Zweifel, aber der Irrwitz hat gemäss New York Times irgendwie Strategie und entsprechend mag Neymar den Preis wert sein.

Potenzial im Merchandising noch nicht ausgeschöpft

Als Katar 2011 zum ersten Mal in PSG investierte, war das vorrangige Ziel, für die nächsten drei Jahre französischer Meister zu werden, um im zweiten Schritt konkurrenzfähig für den Gewinn der Champions League zu sein. Doch ist PSG bisher trotz einiger spektakulärer Siege nicht über die Viertelfinals hinaus gekommen. In Paris, beziehungsweise Katar ist man sich wohl bewusst, dass mit Geld allein nicht die Reputation zu erwerben ist, um sich auf die Ebene von traditionsreichen Klubs wie Barcelona, Real Madrid oder Bayern München zu heben. Aber die Ambition besteht, die «Glasdecke von Europa’s Fussball zu durchbrechen», wie es die New York Times formuliert. Da entspricht Neymar den Anforderungen perfekt, mehr noch als Ronaldo, über dessen möglichen Transfer zu PSG ja ebenfalls spekuliert wurde: Neymar ist sieben Jahre jünger und entsprechend weniger «verbrannt», er gibt für die Social Media ein ideales Profil ab und sein Potenzial im Merchandising ist noch längst nicht ausgeschöpft. Die Akquisition von Neymar mag «irrwitzig» sein, aber sie könnte jenen Status bringen, den man bei PSG so sehr sehnt. Und sollte diese Rechnung aufgehen, macht die irrwitzige Transfersumme sogar ökonomisch Sinn.

Ob der Kreislauf ewig weiter dreht? Ich weiss es nicht. Doch schaut man die Entwicklung der TV-Gelder in den grossen Ligen an, scheint es keinen Plafond zu geben. Persönlich hat mich die Entwicklung schon Anfang Saison fussballmüde gemacht. Die Faszination vieler aufregender Champions League-Spiele, auch im St. Jakob-Park, hat an Glanz verloren und die Ränkespiele der Funktionäre – ob von FIFA oder UEFA -, nachzulesen im bemerkenswerten Buch «FIFA Mafia» von Thomas Kistner, sind auch nicht gerade Grund, sich mit der Entwicklung zu versöhnen.

Möglicher Wechsel von #Neymar könnte jenen Status bringen, den man bei PSG so sehr sehnt. http://bit.ly/2uLDykK #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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