Themen

3. August 2017

Die Leute warten sehr auf uns

Die Spitex ermöglicht pflegebedürftigen Menschen, weiterhin in ihren eigenen vier Wänden zu leben. Oder sie begleitet Personen nach einem Spitalaufenthalt zurück in den selbständigen Alltag. Silvia Bischof von Spitex Regio Frick berichtet.

Spitex, die spitalexterne Krankenpflege, ist ein Pfeiler des Schweizer Gesundheitssystems. Weit über 30'000 Personen, vorwiegend Frauen, sind landesweit in der Spitex tätig. Sie leisten für gegen 200'000 Bedürftige Pflege – auch psychiatrische – und unterstützen sie im Haushalt. Dank der Hilfe können die Menschen weiterhin zuhause wohnen. Allein in der Region um das aargauische Frick wären es rund 150 meist ältere Personen, die ohne Spitex auf einen Platz im Spital oder in einem Pflegeheim angewiesen wären. Jetzt kümmern sich rund 50 Mitarbeitende der Spitex Regio Frick um sie. Die Spitex kommt täglich vorbei, ein- oder sogar zweimal; bei Personen, die noch selbständiger sind, auch nur alle zwei Tage oder einmal pro Woche. Die Spitex-Mitarbeitenden sind ausgebildete Pflegefach- und Psychiatriepflegepersonen (1/5 des Teams), Fachpersonen Gesundheit, Personen mit Pflegeassistenzberufen, aber auch Lernende, Studierende und Haushilfemitarbeitende. Sie alle helfen bei der Körperpflege, wechseln Verbände, bringen Medikamente, beraten und begleiten psychiatrisch erkrankte Menschen und leiten sie in der Alltagsbegleitung an. Ergänzend zum Pflegeteam leistet die Spitex-Haushaltshilfe Unterstützung beim Einkaufen, Kochen und Saubermachen.

Vier Kinder, dann zur Spitex

„Wir können mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass die Leute so lange wie möglich zuhause bleiben können“, sagt Spitex-Mitarbeiterin Silvia Bischof, „ich begegne in meiner Arbeit immer wieder betagten Menschen, die glücklich und auch sehr bescheiden in ihren eigenen vier Wänden leben. Sie zu unterstützen bereitet mir grosse Freude und ist mir Motivation für meine Tätigkeit.“ Silvia Bischof arbeitet seit neun Jahren bei der Spitex. Nach ihrer Berufsausbildung zur Pflegefachfrau war sie gut acht Jahre im Spital Rorschach tätig. Anschliessend zog sie vier Kinder gross. Als der Jüngste zwölf war, merkte Silvia Bischof, die unterdessein in Sisseln (AG) wohnte, dass sie neben Kindern und Haushalt wieder etwas freie Zeit hatte. So kam sie zu Spitex Regio Frick, zunächst mit 20 Prozent. „Dieses Pensum liess sich gut mit den Kindern vereinbaren. Ich konnte für sie weiterhin das Essen kochen, wenn sie über Mittag nach Hause kamen“, erzählt die heute 56jährige Mutter.

Unterdessen arbeitet Silvia Bischof 80 Prozent. Sie leitet eine Gruppe von sechs Spitex-Mitarbeiterinnen, ist aber weiterhin bei pflegebedürftigen Personen im Einsatz, wenn sie nicht mit anderen Tätigkeiten wie Dienstpläne erstellen oder sonstigen administrativen Aufgaben beschäftigt ist. Der Morgendienst startet um 6.40 Uhr. Bei alleinstehenden bettlägrigen Personen hat die Spitex einen Wohnungsschlüssel, um den Menschen das Aufstehen zu ersparen. Silvia Bischof versorgt Operations- oder Verbrennungswunden, verabreicht Medikamente, spritzt Diabetikern Insulin, misst den Blutdruck, hilft Personen mit Veneninsuffizienz beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen, unterstützt beim Duschen oder der Körperpflege. Zudem werden Menschen nach Kinästhetik mobilisiert. „An einem halben Tag besuchen wir fünf bis sechs Klientinnen und Klienten“, sagt Silvia Bischof. 'Klienten' sagt sie, nicht 'Patienten'. Aus dieser Bezeichnung spricht der Respekt gegenüber den betreuten Menschen und ihr eigenes Selbstverständnis als Dienstleisterin, aber auch der Wunsch, die betreuten Menschen nicht auf ihre Pflegebedürftigkeit zu reduzieren, sondern sie als ganzheitliche Persönlichkeit zu sehen.

Vier Augen für die Zuverlässigkeit

Spitex-Mitarbeiterinnen übernehmen im Umgang mit Medikamenten verschiedene Aufgaben. Sie besorgen Arzneimittel in der Apotheke, sofern sich nicht die Angehörigen darum kümmern können. Sie stellen die Medikamente in der Wochendosette bereit. Dort gibt es für die sieben Wochentage jeweils vier kleine Schubladen – darin sind die Tabletten hergerichtet für den Morgen, den Mittag, den Abend und für die Nacht. Das hilft den Betagten, ihre Medikamente zuverlässig einzunehmen. Kann eine demente Person die Medikamente nicht mehr selber zuverlässig zu sich nehmen, wird sie von der Spitex bei der Einnahme unterstützt. Wenn Silvia Bischof und ihre Kolleginnnen am Spitex-Stützpunkt in Frick die Medikamente vorbereiten, geschieht das nach dem Vier-Augen-Prinzip: Eine Mitarbeiterin stellt die Arzneistoffe zusammen, eine Kollegin kontrolliert sie dabei, um Verwechslungen und Fehler auszuschliessen.

Bluthochdruck, Diabetes, Schilddrüsenfehlfunktion, Augenbrennen, Probleme bei Wasserlösen und Stuhlgang, Schmerzen, Depressionen – die Krankheitsbilder sind gerade bei älteren Personen mitunter sehr vielfältig. So bekommen die Menschen vom Arzt vielfach mehrere Medikamente verschrieben; in speziellen Fällen können es ein Dutzend und mehr pro Tag sein. „Die meisten Menschen nehmen die vom Arzt verordneten Medikamente diszipliniert ein, manchmal vielleicht sogar zu diszipliniert“, sagt Silvia Bischof. Bisweilen lohne sich nämlich eine Überprüfung. „Manchmal regen wir die Klienten an, bei ihrem Arzt nachzufragen, ob das eine oder andere Medikament noch nötig ist oder die Dosierung vielleicht gesenkt werden kann.“ Ein Schuss Diplomatie sei dabei auch gefragt, sagt Spitex-Frau Bischof mit einem Schmunzeln; man wolle bei den Ärzten nicht den Eindruck erwecken, es besser zu wissen.

Ein Mann als Praktikant

Spitex – das ist Pflege, das sind Medikamente, und das ist menschliche Nähe. „Die Leute warten auf uns“, sagt Silvia Bischof. Besonders gilt das für Alleinstehende, die durch ihr Leiden an sozialen Kontakte gehindert werden. So wird die Betreuungszeit, auch wenn sie begrenzt ist, gern für ein persönliches Gespräch genutzt. Oft würden es die betreuten Personen wünschen, immer von der gleichen Spitex-Mitarbeiterin besucht zu werden und zu dieser einen dauerhaften Kontakt aufzubauen. In der Regel ist das aber nicht möglich, weil viele Spitex-Mitarbeiterinnen teilzeit arbeiten.

Spitex ist eine Frauendomäne, zumindest in der ländlich geprägten Region um Frick. Das feste Team der Spitex Regio Frick besteht neben einem Psychiatriepflegefachmann ausschliesslich aus Frauen. Aktuell beschäftigt die Spitex zudem einen Pflegefachmann-Studenten, der hier den praktischen Teil seiner Ausbildung absolviert.

Silvia Bischof fühlt sich gut aufgehoben bei der Spitex. Als sie nach der Babypause wieder in den Beruf einstieg, hätte sie die Wahl gehabt, wieder in ein Spital zu gehen. Doch sie wollte nicht in diese Welt zurück, in der sie nach der Lehre gearbeitet hatte. Mit ein Grund waren die Computer, die unterdessen in den Spitälern Einzug gehalten hatten, und die bei Silvia Bischof die Furcht weckten, nicht mehr mitzukommen. Unterdessen haben die Informationstechnologien sie allerdings auch bei der Spitex eingeholt – und Silvia Bischof nutzt sie begeistert. Zeiterfassung, Pflegebericht, Medikamentenblatt, Wundprotokoll – das erledigt sie alles auf dem Tablet, den sie bei ihren Hausbesuchen mit dabei hat.

Die Serie "Das richtige Medikament zur rechten Zeit" stellt am Beispiel von ausgewählten Personen exemplarisch verschiedene Berufe aus dem Gesundheitswesen vor und zeigt auf, wie die Porträtierten im Alltag mit Medikamenten umgehen bzw. diese zur Heilung von Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Serie erscheint in lockerer Folge. Hier Teil 6.

Gute Pflege in der vertrauten Umgebung daheim – #Spitex-Mitarbeiterin Silvia Bischof macht's möglich. http://bit.ly/2u2wAF8 #iph
Silvia Bischof, Mitarbeiterin der Spitex Regio Frick
Silvia Bischof, Mitarbeiterin der Spitex Regio Frick
 

Weitere Themen