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7. August 2017

Kolumne: Bitte kein Schildbürgerstreich

Der diskutierte Vorschlag für den Bruch mit dem Territorialprinzip ist umso erstaunlicher, als er ausgerechnet auf den Bereich konzentriert ist, wo die Kosten im Griff sind und für die Schweiz volkswirtschaftlich Einiges auf dem Spiel steht.

Anfang Juni machte eine Meldung in deutschen Medien Schlagzeilen. In einer Apotheke in Nordrhein-Westfalen war ein gefälschtes Hepatitis-C-Medikament entdeckt worden. Der Schwindel flog auf, weil der Patient stutzte, da die Tabletten weiss und nicht wie üblich orange waren. Dass es sich dabei um einen Einzelfall handelte, ist unwahrscheinlich, denn Medikamentenfälschungen sind heute zunehmend Teil des Business-Modells der organisierten Kriminalität.

Kernelement der Krankenversicherung wird in Frage gestellt

Welche Bedeutung hat das gefälschte Hepatitis-C-Medikament für die Schweiz? Zurzeit eine eher hypothetische, denn im von Swissmedic streng kontrollierten Arzneimittelmarkt der Schweiz sind bis anhin Fälschungen nur aus Bestellungen aus dem Internet bekannt. Das könnte sich ändern, wenn es nach den Plänen von Preisüberwacher Stefan Meierhans und einer von Bundesrat Alain Berset eingesetzten Expertengruppe geht, die diesen Herbst Vorschläge für Massnahmen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen vorlegen soll. Die Expertengruppe stellt anscheinend das zu den Kernelementen der Schweizer Krankenversicherung zählende Territorialprinzip in Frage. Dieses besagt grundsätzlich, dass von der obligatorischen Krankenversicherung nur medizinische Leistungen vergütet werden dürfen, die in der Schweiz erbracht werden, also eben nur Leistungen von Spitälern, Ärzten oder Apothekern in der Schweiz.

Der diskutierte Vorschlag für den Bruch mit dem Territorialprinzip ist umso erstaunlicher, als er ausgerechnet auf den Bereich konzentriert ist, wo die Kosten im Griff sind und für die Schweiz volkswirtschaftlich Einiges auf dem Spiel steht. So sind die Kosten der spitalambulanten Behandlungen in der Schweiz von 2009 bis 2015 pro Kopf um 34 Prozent gestiegen, die durch Ärzte erbrachten Leistungen um 28 Prozent und in der stationären Behandlung um 17 Prozent. Demgegenüber waren die Pro-Kopf-Kosten bei den Medikamenten von 2009 bis 2015 praktisch stabil geblieben. Dies als Folge der Preisüberprüfungen, die dazu führten, dass der Medikamentenpreisindex in der Schweiz heute um über 30 Prozent tiefer liegt als noch vor zehn Jahren und die Medikamentenkosten pro Kopf der Bevölkerung trotz vieler neuer und hoch innovativer Medikamente stagnieren.

Auswirkungen auf Patientensicherheit

Nicht stagniert hat in der gleichen Zeit allerdings der Beitrag der Pharmaindustrie zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung. Jedem Franken, der in der Schweiz für Medikamente ausgegeben wird, stehen gut sechs Franken gegenüber, die aufgrund der Investitionen der Pharmaindustrie, der Schaffung neuer Arbeitsplätze und den immer neuen Rekorden in der Exportstatistik einen wichtigen Beitrag leisten, dass es der Schweiz wirtschaftlich nach wie vor sehr gut geht. Wenn man sich die Relationen anschaut, ist es wohl das eine, dass die Pharmafirmen den Preisvergleich mit dem Ausland akzeptieren, etwas anderes, wenn man letztlich ausgerechnet bei den Medikamenten das Territorialprinzip der Krankenversicherung in Frage stellt und die Türe für Billigimporte aus dem Ausland öffnen will. Die daraus resultierenden Einsparungen könnten sich leicht als Schildbürgerstreich erweisen, wenn man sich die möglichen Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und die Patientensicherheit anschaut.

Und noch erstaunlicher wird die Sache, wenn man sieht, dass man nicht gewillt ist, dort aktiv zu werden, wo Handlungsbedarf durchaus besteht, etwa beim Zulauf zu teuren Notfallstationen, die immer mehr den Hausarzt ersetzen.

Bruch mit #Territorialprinzip: #Patientensicherheit und volkswirtschaftliche Wertschöpfung in Gefahr. http://bit.ly/2vEqE9k #iph
Thomas Cueni Kolumne farbig
 

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