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10. August 2017

Wir halten den Markt sauber

Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic beaufsichtigt den Schweizer Markt der Arzneimittel und Medizinprodukte und trägt damit zu einer sicheren Medikamentenversorgung bei. Ein Besuch bei Swissmedic-Expertin Ruth Mosimann.

Schmerztabletten, eine Wundsalbe, ein Prellungsgel und bedarfsabhängig eine Handvoll weiterer Medikamente – dann ist die Hausapotheke in den meisten Fällen ausreichend bestückt. Doch darüber hinaus stehen Kranken, Verletzten, Ärzten und Spitalangestellten heute eine ausdifferenzierte Palette von Heilmitteln zur Verfügung, um jedes Leiden optimal behandeln zu können und den Ansprüchen der einzelnen  Patienten bestmöglich gerecht zu werden. So sind in der Schweiz heute nicht weniger als 8500 Medikamente zugelassen. Eine Zulassung bedeutet, dass das jeweilige Arzneimittel vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic in Bern auf Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit überprüft wurde.

Neben der Zulassung kümmert sich die Zulassungs- und Aufsichtsbehörde auch um ein breites Spektrum von Medizinprodukten vom Heftpflaster bis zum Herzschrittmacher, also jene Mittel, die nicht pharmakologisch wirken, sondern physikalisch zur Heilung beitragen. Swissmedic erteilt Herstellern und Händlern von Heilmitteln die Betriebsbewilligung und widmet sich der Überwachung des Gesundheitsmarktes. Swissmedic hat also ein umfangreiches Aufgabenportfolio, um die sich in Bern rund 450 Personen mit Expertenwissen kümmern, die sich 360 Vollzeitstellen teilen.

Ordnung auf dem Medikamentenmarkt

Eine von ihnen ist Ruth Mosimann, ausgebildete Apothekerin und Mutter von zwei Teenagern. An vier Tagen pro Woche radelt die 49-jährige Bernerin mit dem Velo von ihrer Wohnung an die Hallerstrasse im Länggassquartier. Dort steht einer dieser respektheischenden historischen Prachtbauten der Bundesstadt, im Innern nach den heutigen Bedürfnissen eines Bürogebäudes modern ausgebaut. Hier macht sich Ruth Mosimann an ihre Arbeit und taucht dabei, unterstützt von einem siebenköpfigen Team, in eine andere, mitunter düstere Halbwelt ein: in die Welt der illegalen Arzneimittel. „Wir tragen die Verantwortung, dass der Medikamentenmarkt sauber bleibt. Um das zu erreichen, gibt uns das Schweizerische Heilmittelgesetz die nötigen Instrumente an die Hand“, sagt Roth Mosimann.

Wer sich Ruth Mosimann als eine Polizistin vorstellt, die unangemeldet in Apotheken vorspricht oder dubiose Medikamentenlager durchstöbert, macht sich ein falsches Bild. Ihre Arbeit verrichtet sie an einem Schreibtisch. Hier nimmt sie Hinweise auf mögliche Verstösse im Medikamentenmarkt entgegen: Meldungen von kantonalen und ausländischen Behörden, von Zoll und Polizei, aber auch Hinweise von Ärzten und Apothekern, von Patientinnen und Patienten. Die Mitarbeitenden der Einheit Kontrolle illegale Arzneimittel, die Ruth Mosimann leitet, recherchiert aber auch selber im Internet und durchkämmt dieses nach suspekten Angeboten: Tabletten, die Heilung versprechen, die aber keinen Wirkstoff enthalten. Pülverchen, die zwar einen Wirkstoff enthalten, aber nicht in der erforderlichen Menge. Mittelchen, die nicht helfen, sondern im Extremfall sogar Schaden anrichten.

Problemzone Internet

Ruth Mosimann ist nicht die Frau, die Angst verbreiten will. Im Gegenteil: Sie stellt die gute Nachricht an den Anfang des Gesprächs: „Noch nie haben wir Fälschungen eines Schweizer Medikaments gefunden.“ Das ist eine beruhigende Tatsache, denn sie bedeutet: Wer mit dem Arztrezept in die Apotheke geht und sich die verordneten Mittel von einer beratenden Fachperson aushändigen lässt, kann sich auf seine Medikamente verlassen. Wurden in der Vergangenheit gefälschte Arzneimittel in der Schweiz dingfest gemacht, stammten diese nicht aus der Schweiz, sondern waren eingeführt worden mit dem Ziel, sie von hier aus ins Ausland zu verkaufen. So passiert im vorigen Jahr mit einer Fälschung des Hepatitis C-Medikaments Harvoni. Doch das sind Einzelfälle, die im Arbeitsalltag des siebenköpfigen Teams von Ruth Mosimann zum Glück nicht oft vorkommen.

Swissmedic hat die Einheit Kontrolle illegale Arzneimittel vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Anstoss dazu gab der stark wachsende illegale Medikamentenhandel im Internet. Das World Wide Web hatte eine bequeme Möglichkeit geschaffen, Medikamente bzw. Mittel, die von zwielichtigen Personen als Medikamente angepriesen wurden, ohne Vorlage eines Arztrezepts zu bestellen. Aus diesem Leichtsinn hat sich in den letzten Jahren ein veritables Problem entwickelt: Laut Hochrechnungen von Swissmedic gelangen jährlich rund 40'000 Arzneimittelsendungen auf dem Postweg in die Schweiz. Den grössten Teil bestellen Privatpersonen ohne Rezept. Rund die Hälfte dieser Sendungen, so die Schätzung, enthält potenziell gesundheitsgefährdende Medikamente: Die Zusammensetzung oder Wirkstoffmenge entspricht nicht den Angaben auf der Verpackung. Illegal sind darüber hinaus gemäss Schweizer Gesetzgebung Medikamentensendungen, die den persönlichen Monatsbedarf des Bestellers überschreiten. So kommt es, dass unter dem Strich rund drei Viertel der erwähnten 40'000 Arzneimittelsendungen entweder die Gesundheit gefährden und/oder gegen die Mengenbeschränkung verstossen.

Nebenwirkungen unterschlagen

„Gerade heute habe ich ein Paket mit Aknemitteln vernichten lassen“, sagt Ruth Mosimann während unseres Gesprächs am grossen runden Tisch im Swissmedic-Besprechungszimmer. Der Fall reicht ins letzte Jahr zurück und führt die Gefahren des Internethandels anschaulich vor Augen: Eine junge Frau hatte auf einer deutschsprachigen Webseite, die sich den Anstrich einer seriösen Versandapotheke gab, das Aknemittel Roaccutane bestellt. Dort war das Präparat aus indischer Herstellung unter einem Phantasienamen angeboten worden. Was die Webseite verschwieg: Das Medikament mit dem Wirkstoff Isotretinoin darf nur bei strikter Schwangerschaftsverhütung verwendet werden, da es beim Fötus schwere Missbildungen hervorrufen kann. Wer das nicht weiss, geht also ein grosses Risiko ein.

Bei der Lieferung wurde das Paket vom Schweizer Zoll beschlagnahmt und kam so zur Einheit von  Ruth Mosimann. Von Swissmedic zur Stellungnahme aufgefordert, machte die junge Frau geltend, sie habe das Medikament früher verschrieben bekommen und habe nicht erneut einen Arzt aufsuchen wollen. Das änderte indes nichts daran, dass die Bestellung illegal war. Die Liefermenge hätte für eine dreimonatige Behandlung gereicht und lag damit über der erlaubten Importmenge. Der jungen Frau wurden 300 Fr. für das Verwaltungsverfahren auferlegt, und sie verlor das Geld, das sie für das Medikament bezahlt hatte.

International vernetzt

Oft agieren dubiose Geschäftemacher aus dem Ausland. Oder sie fliehen von der Schweiz ins Ausland wie jener Quacksalber aus dem Wallis, der Edelsteine mit Wasser und Alkohol zu einem angeblichen Krebsheilmittel vermörserte und sich, nachdem sich Swissmedic und die Kantonsbehörden an seine Fersen hefteten, nach Spanien absetzte. Vor dem Hintergrund solcher Beispiele versteht sich von selbst, dass internationale Kontakte ein wichtiger Teil von Ruth Mosimanns Tätigkeit sind. Vor kurzem weilte sie beispielsweise auf Malta für einen Erfahrungsaustausch mit anderen europäischen Arzneimittelbehörden. Für Ruth Mosimann ist klar: Medikamente sollte man nur dann im Internet bestellen, wenn man Gewissheit hat, dass ein seriöser Anbieter dahinter steht und wenn man über ein ärztliches Rezept verfügt. „Ich habe ein grosses Misstrauen gegenüber dem Internet“, sagt Ruth Mosimann. Wenn sie ein Medikament braucht, geht sie in die Apotheke.

Die Serie "Das richtige Medikament zur rechten Zeit" stellt am Beispiel von ausgewählten Personen exemplarisch verschiedene Berufe aus dem Gesundheitswesen vor und zeigt auf, wie die Porträtierten im Alltag mit Medikamenten umgehen bzw. diese zur Heilung von Patientinnen und Patienten einsetzen. Die Serie erscheint in lockerer Folge. Hier Teil 7.

Nur ein sauberer Medikamenten-Markt ist ein guter Medikamenten-Markt, sagt Swissmedic-Expertin Ruth Mosimann. http://bit.ly/2urAwQ3 #iph
Swissmedic-Mitarbeiterin Ruth Mosimann
Swissmedic-Mitarbeiterin Ruth Mosimann
 

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