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29. August 2017

Virenstämme gehen zurück in die Vorzeit

Berner Populationsgenetiker können dank einer neuen Methode Alter und den Zeitraum der Ausbreitung von Virenstämmen präziser als bisher bestimmen.

Wer Epidemien wirksam bekämpfen will, muss wissen, wie sich Viren über mehrere Generationen hinweg vermehren. Wenn sich krankmachende Viren wie Influenza oder HIV vermehren und unter Menschen schnell Verbreitung finden, spricht man von einer Epidemie. Wer Epidemien schnell und wirksam eindämmen will, muss möglichst genau über die Entwicklung von Virenstämmen Bescheid wissen. Mit dieser Fragestellung hat sich nun ein Wissenschaftlerteam um die Berner Populationsgenetiker Moritz Saxenhofer und Gerald Heckel in einer neuen Untersuchung befasst. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler jüngst in der Fachzeitschrift «Proceedings of the Royal Society B» veröffentlicht.

Genetische und geografische Daten kombiniert

Die Berner Forscher haben sich in ihrer Studie mit der Entstehungsgeschichte von zwei Arten aus der Familie der Hantaviren beschäftigt, die natürlicherweise in Nagern vorkommen und beim Menschen Lungenentzündungen oder aktuelles Nierenversagen verursachen. Beide Arten sind deutlich älter als bisher angenommen, wie die Ergebnisse belegen. In ihrer Studie betrachteten die Forscher zum einen Veränderungen des viralen Erbguts, woraus sich Schlüsse auf das Alter der Virenstämme ziehen lassen. Ergänzend liessen sie in ihre Berechnungen zur Altersbestimmung Informationen zur geografischen Herkunft einfliessen. Durch die Kombination von genetischen mit geografischen Informationen war die Altersbestimmung genauer möglich als mit früheren Methoden.

Nützlich für Diagnose und Therapie

Gemäss den neusten Ergebnissen sind die Virenstämme zehn bis 100 mal älter als bisher angenommen, nämlich mindestens 3700 bzw. 2500 Jahre. Erstautor Moritz Saxenhofer erläutert, wie die stark verbesserte Altersbestimmung geglückt ist: „Für die untersuchten Hantaviren konnten wir einen starken Zusammenhang zwischen geographischer Distanz und genetischer Divergenz nachweisen. D.h. je grösser die Entfernung zwischen zwei infizierten Nagern, desto grösser die genetischen Unterschiede zwischen ihren Viren. Damit ist es uns gelungen, die genetische Divergenz in diesen Virusarten zuverlässiger zu schätzen als bisher möglich und anhand der Divergenz deren minimales Alter zu bestimmen.“ Mit Blick auf den medizinischen Nutzen der jüngsten Resultate ergänzt Saxenhofer: „Die Erkenntnis, dass für diese Viren lokal sehr unterschiedliche Formen existieren, ist für die Diagnostik und die Entwicklung von spezifischen Impfstoffen und Therapeutik von Bedeutung.“

Zwei wichtige Virenstämme sind deutlich älter als bisher angenommen. http://bit.ly/2wZqB8F #iph
Das Sin-nombre-Virus aus der Familie der Hantaviren, das unter anderem schwere Lungenerkrankungen verursacht
Das Sin-nombre-Virus aus der Familie der Hantaviren, das unter anderem schwere Lungenerkrankungen verursacht
 

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