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16. Oktober 2017

Nocebo-Effekt hängt vom Preis ab

Ruft ein Scheinmedikament eine positive Wirkung hervor, spricht man von Placeboeffkt, ist die Wirkung negativ, von Nocebo-Effekt. Eine neue Studie von Hamburger Wissenschaftlern zeigt: Teure Scheinmedikamente haben einen ausgeprägteren Nocebo-Effekt.

Auch wenn man sich über Placebo- und Nocebo-Effekte wundern mag – diese positiven bzw. negativen Wirkungen sind für die betroffenen Personen real. Das zeigen Untersuchungen, die sich mit den Wirkungen von Scheinmedikamenten wissenschaftlich auseinandersetzen. Eine neue Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hat nun eine spezielle Facette des Nocebo-Effekts untersucht: Nämlich die Frage, ob der Preis eines Scheinmedikaments einen Einfluss darauf hat, wie negativ seine Nebenwirkungen wahrgenommen werden. Nach Auskunft der Studie führen teure Medikamente zu einem ausgeprägteren Nocebo-Effekt als billige. „In der Gruppe mit der günstigen Salbe haben die Probanden über einen Schmerzanstieg von 3% gegenüber der Kontrollsalbe berichtet, wohingegen die Gruppe mit der teuren Salbe einen Schmerzanstieg von fast 30% geltenden machten“, fasst Studienleiterin Alexandra Tinnermann vom Institut für Systemische Neurowissenschaften am UKE das Hauptergebnis der im Fachmagzin 'Science' veröffentlichten Studie zusammen.

Unterschiedliche Information über den Preis

Im Rahmen der Untersuchung nutzten den Probandinnen und Probanden eine Salbe ohne medizinischen Wirkstoff (Scheinmedikament). Im Zusammenhang mit der Verschreibung wurde den Testpersonen mitgeteilt, die medizinische Salbe könne Nebenwirkungen hervorrufen, die zu einem erhöhten Schmerzempfinden führten. Darüber hinaus wurden die Probanden in zwei Gruppen geteilt: Der einen Gruppe wurde gesagt, das verabreichte Medikament sei teuer, der anderen Gruppe, es handle sich um ein billiges Medikament. Dass ausgerechnet ein teures Scheinmedikament stärkere Nebenwirkungen hervorruft als ein billiges Medikament, mag den Beobachter erstaunen, denn gemeinhin wird ja ein tiefer Preis mit einer schlechten Qualität in Verbindung gebracht wird. Dazu Alexandra Tinnermann: „Als man in früheren Studien den Zusammenhang von Preis und Placeboeffekten untersucht hat, hat sich bereits gezeigt, dass teure Medikamente einen grösseren (Placebo-) Effekt hervorrufen. Dasselbe Ergebnis haben wir nun beim Nocebo-Effekt. Wir interpretieren das Resultat so, dass angenommen wird, teure Medikamente hätten einen potenteren Wirkstoff und würden damit stärkere Effekte – positive wie negative – hervorrufen.“ Die Hamburger Wissenschaftlerin betont, die Probanden in der vorliegenden Studie seien jung und gesund gewesen. Ob das Ergebnis auf alle Personengruppen verallgemeinerbar sei, müsse die zukünftige Forschung zeigen.

Über Nebenwirkungen reden

Placebo- und Nocebo-Effekte haben also mitunter überraschende Einflussgrössen, die sich nicht einfach ausblenden lassen. Welche Schlussfolgerung zieht Neurowissenschaftlerin Alexandra Tinnermann aus der Untersuchung für den medizinischen Alltag? „Für den Umgang mit Medikamenten würde ich nicht sehr viel schlussfolgern. Ich denke, dass es wichtig ist, dass Ärzten, Pflegekräften und Apothekern bewusst ist, dass diese Effekte existieren. Aus diesem Grund ist es wichtig, wie Ärzte über Nebenwirkungen reden, wenn sie Patientinnen und Patienten über diese aufklären. Das mag dann auch von Patient zu Patient und von Behandlung zu Behandlung unterschiedlich sein, ob man Placeboeffekte stärken möchte und dafür Nocebo-Effekte in Kauf nimmt, oder ob man Nocebo-Effekte verringern möchte und dafür geringere Placebo-Effekte in Kauf nimmt.“

Überraschender Einfluss von Placebo- und Nocebo-Effekten. http://bit.ly/2iec2bG #iph
Nocebo-Effekt
Diese Salben – beide enthalten keinen Wirkstoff – wurden bei den Probandinnen und Probanden angewendet. Für die Studie zum Nocebo-Effekt erstellten die Hamburger Forscher eigens Verpackungen, die nach (teurem) Original und (billigem) Generikum aussehen sollten.
 

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