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15. November 2017

Ein Stoff gegen Gelbsucht

Wissenschaftler der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen haben ein nach innen leuchtendes Pyjama entwickelt, mit dem sich die Gelbsucht bei Neugeborenen auf neuartige Weise behandeln lässt.

Heute werden Neugeborene, die nach der Geburt an einer Gelbsucht leiden, in der Regel mit einer Phototherapie im Brutkasten behandelt: Dort werden die Babys mit kurzwelligem Licht bestrahlt. Das Licht bekämpft die giftigen Abbauprodukte des Blutfarbstoffs Hämoglobin, die sich bei Gelbsucht in der Haut ablagern. Diese Behandlung ist sehr wirksam, sie setzt aber voraus, dass das neugeborene Kind allein und mit abgedeckten Augen im Brutkasten ausharrt, ohne Kontakt zu seiner Mutter. Ein Forscherteam der Empa verfolgt nun einen neuen Ansatz für die Phototherapie, der nicht nur den kleinen Patientinnen und Patienten entgegenkommt, sondern auch den Eltern. Darüber berichten die Forscher in der Fachzeitschrift 'Biomedical Optics Express'.

Fasern leiten Licht

Die Grundidee der Empa-Forscher: Das Licht für die Phototherapie wird nicht mehr von einer Lampe über dem Brutkasten abgestrahlt, sondern von lichtleitenden Fäden, die in ein Pyjama eingewoben sind. Als Lichtquelle dienen batteriebetriebene LED-Lampen. Die Fäden verteilen das Licht und strahlen es auf alle Körperstellen gleichmässig ab. Hinter der Technik, die zunächst relativ simpel klingt, steckt viel technisches Knowhow. So müssen die lichtleitenden Fäden beim Weben in einem bestimmten Winkel gebogen werden, damit das heilende Licht optimal und homogen auf die Haut des Kindes abgestrahlt wird. Das phototherapeutische Gewebe kann zu einem Strampelanzug oder einem Schlafsack verarbeitet werden. Dadurch wird es in Zukunft wohl möglich, dass die Gelbsucht-Behandlung zuhause in der gewohnten Umgebung der Neugeborenen durchgeführt werden kann.

Klinische Versuche und Zertifizierung

Bis die neuartige Phototherapie bei Patientinnen und Patienten zur Anwendung kommt, sind noch anderthalb bis zwei Jahre Entwicklungszeit und weitere zwei bis drei Jahre für die Zertifizierung nötig, schätzt Dr. Luciano Boesel von der Empa-Abteilung Biomimetic Membranes and Textiles. „Zum einen werden wir die leuchtenden Textilien in klinischen Versuchen mit Patienten testen. Dafür stehen wir bereits im Kontakt mit der Neonatologie (Neugeborenenmedizin) des Universitätsspitals Zürich“, sagt Luciano Boesel. „Gleichzeitig wollen wir den bestehenden Prototypen gemeinsam mit einem interessierten Unternehmen zu einem marktfähigen Produkt weiterentwickeln.“ Der Bedarf für eine bequemere Gelbsucht-Behandlung bei Neugeborenen dürfte durchaus gegeben sein. Allein bei den zu frühgeborenen Kindern leiden rund 60% an Gelbsucht.

Ein leuchtendes Pyjama zur Behandlung von #Gelbsucht bei Neugeborenen. http://bit.ly/2zZqM63 #iph
Je nach Webeverfahren durchdringt das Licht der optischen Fasern den Stoff unterschiedlich gut.
Je nach Webeverfahren durchdringt das Licht der optischen Fasern den Stoff unterschiedlich gut.
 

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