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9. März 2018

Wie autistische Kinder ihre Umwelt wahrnehmen

Bereits im Gehirn von Klein- und Vorschulkindern lassen sich Unterschiede zwischen gesunden und autistischen Kindern nachweisen. Das zeigen Forscherinnen und Forscher des Psychiatrie-Departements an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf.

Schon in frühem Alter lernen Kinder, auf soziale Einflüsse wie die Stimme, das Gesicht oder die Gesten anderer Personen zu reagieren. Gleichzeitig entwickeln Kinder spezielle Hirnregionen, in denen sie diese sozialen Einflüsse verarbeiten und dabei ein 'soziales Gehirn' ausbilden. Autistische Kindern gelingt es schon im ersten Lebensjahr schlechter, solche sozialen Einflüsse wahrzunehmen, und in der Folge leidet auch die Entwicklung des 'sozialen Gehirns'. Neue Forschungsresultate aus dem Psychiatrie-Departement der Universität Genf haben diesen Zusammenhang nun bestätigt. Über ihre Erkenntnisse berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachmagazin 'eLife'.

Videos mit 'sozialen Bildern'

Für ihre Untersuchung zeigten die Forscherinnen und Forscher gesunden und autistischen Kindern dieselben Videos mit 'beweglichen sozialen Bildern', wie Assistenzprofessorin Marie Schär erläutert: „Die beweglichen sozialen Bilder bestanden aus Kindern, die Turn- und Yogaübungen durchführten (z.B. Kopf schütteln, Arme ausbreiten, auf einem Bein stehen). Wir sprechen von 'sozialen Bildern', weil jeweils ein oder zwei Kinder auf dem Bildschirm sind, und 'beweglich' sind die Bilder, weil die dargestellten Kinder Gesten ausführen.“ Während gesunde und autistische Kinder die Videos anschauten, verfolgten die Wissenschaftler mit einem Eye-Tracking-Verfahren, wohin genau die Kinder ihren Blick richteten. Dabei stellten die psychiatrischen Forscher erhebliche Unterschiede zwischen den Blickmustern gesunder und autistische Kinder beim Betrachten der Videos fest: Gesunde Kinder richteten ihren Blick in der Regel auf die Gesichtsmitte ihres Video-Gegenübers. Bei autistischen Kindern hingegen ist die Blickrichtung weit weniger fokussiert. Die Wissenschaftler konnten gleichzeitig mit Elektroenzephalographie (EEG) zeigen, dass die Nervenverbindungen im 'sozialen Gehirn' bei gesunden Kindern besser wuchsen als bei autistischen Kindern.

Hinweise für Verhaltenstherapie

Die Untersuchung gebe erstmals deutliche Hinweise, dass die Art der visuellen Wahrnehmung von Bildern in einem direkten Zusammenhang mit der Ausbildung der Gehirnregionen stehen, die für die Verarbeitung sozialer Informationen zuständig sind, schreiben die Forscher. Marie Schär zu den Perspektiven, die sich aus dem jüngsten Forschungsprojekt ergeben: „Im Moment denken wir nicht, dass unsere Ergebnisse direkt in neue Therapien umgesetzt werden können. Die Ergebnisse zeigen aber, dass das 'soziale Gehirn' von autistischen Kindern (d.h. die Regionen im Hirn, die soziale Informationen verarbeiten) bei autistischen Vorschülern schon früh verändert ist. Wir wollen nun untersuchen, ob wir den normalen Entwicklungsweg des Gehirns wiederherstellen können, wenn autistische Kinder Zugang zu einer intensiven Verhaltenstherapie bekommen.“

Universität Genf zeigt Unterschiede in der Hirnentwicklung gesunder und autistischer Kinder. #Autismus http://bit.ly/2oUJhS4 #iph
Autismus_Blick
Normal entwickelte Kinder richten ihren Blick ins Zentrum des Gesichts (links; jeder blaue Punkt entspricht einem Betrachter). Dagegen ist die Blickrichtung autistischer Kinder weniger fokussiert (rechts; jeder rote Punkt entspricht einem Betrachter). Die Gesichter waren während des Experiments nicht verschwommen.
 

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