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8. Mai 2018

Ähnliche Massstäbe am Lebensende

Wenn Menschen das Ende ihrer Lebenszeit erreichen, stehen oft schwierige medizinische Entscheidungen an. Eine Befragung von Ärzten in den Landesteilen zeigt: Die Entscheidungen werden innerhalb der Schweiz vergleichsweise einheitlich getroffen.

Schwer kranke Menschen, ihre Angehörigen und die behandelnden Ärzte stehen mitunter vor heiklen medizinischen Entscheidungen: Soll ein Mensch mit lebenserhaltenden Massnahmen unterstützt werden? Soll im Fall einer unheilbaren Krankheit gar Beihilfe zum Suizid geleistet werden? Bei mehr als drei Vierteln aller erwarteten Todesfälle werden heute in der Schweiz solche Entscheidungen getroffen, die meisten davon zu lebenserhaltenden Massnahmen. Forscherinnen und Forscher der Universitäten Genf und Zürich haben diese sogenannten End-of-life-Entscheidungen nun in einer gemeinsamen Studie untersucht. Die Erhebung stützt sich auf eine Befragung von Ärztinnen und Ärzten in der Deutschschweiz, der Romandie und im Tessin. Mit anonymisierten Fragebogen gaben diese Auskunft zu fast 9000 zufällig ausgewählten Todesfällen, in deren Zusammenhang mitunter schwierige End-of-life-Entscheidungen zu treffen waren.

Patientenautonomie hoch gehalten

PD Dr. Georg Bosshard von der Klinik für Geriatrie des Universitätsspitals Zürich fasst das Hauptergebnis der Studie zusammen: „Bei den getroffenen Entscheidungen am Lebensende bestehen zwar erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachregionen der Schweiz“, sagt der Leitende Arzt für Langzeit-Pflege, „diese Unterschiede aber sind insgesamt weniger bedeutsam als jene zwischen der jeweiligen Sprachregion und dem Nachbarland gleicher Muttersprache.“ Zu diesem Schluss gelangten die Wissenschaftler, als sie die Befunde ihrer Studie mit ähnlichen Untersuchungen in Frankreich und Italien verglichen (in Deutschland und Österreich liegen keine entsprechende Studien vor). Die Wissenschaftler stellen fest, dass die Patientenautonomie schweizweit einen hohen Stellenwert geniesst. Dies hat zur Folge, dass End-of-life-Entscheidungen relativ einheitlich getroffen werden.

Die Rolle der Medikamente

Die Untersuchung der Universitäten Genf und Zürich war Teil des Nationalen Forschungsprogramms 67 «End of Life». Der Umgang mit Medikamenten am Ende des Lebens stand nicht im Zentrum der Studie, wurde aber an verschiedenen Stellen mit angesprochen, wie Georg Bosshard berichtet: „Bei der indirekten Sterbehilfe (Linderung von Schmerz und Krankheitssymptomen mit möglicherweise lebensverkürzender Wirkung) und bei der terminalen Sedierung spielen Medikamente (Opiate resp. Beruhigungsmittel) eine Rolle. Wir haben diesen Aspekt bei unserer Studie aber nicht vertieft untersucht, haben also nicht nach Substanzen im einzelnen oder nach konkret verabreichten Dosen gefragt.“ Die beteiligten Wissenschaftler sehen ihre Ergebnisse als Aufforderung an die breite Öffentlichkeit, das Instrument der Patientenverfügung noch intensiver zu nutzen als bisher üblich.

Eine Studie hat Ärzte nach den medizinischen Entscheidungen am #Lebensende von Patienten befragt. http://bit.ly/2I5cdy8 #iph
PD Dr. Georg Bosshard
PD Dr. Georg Bosshard, Leitender Arzt am Universitätsspital Zürich.
 

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