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9. Mai 2018

Die Gene hinter der Depression

Eine seit zehn Jahren laufende, internationale Studie hat 30 neue Genorte (Loci) identifiziert, die mit Depression in Verbindung stehen. Die Erkenntnisse dürften neue Impulse für die Entwicklung medikamentöser Therapien geben.

Depressionen sind eine grosse Last für die betroffenen Menschen, und bei den Aussenstehenden wecken sie oft Unsicherheit, weil sie nicht so leicht fassbar sind wie eine körperliche Krankheit. Von Zwillingsstudien weiss man, dass der genetische Anteil am Zustandekommen von Depressionen bei ca. 40% liegt. Wie diese Zahl zu verstehen ist, erläutert Prof. Marcella Rietschel, wissenschaftliche Direktorin der Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. „Der Einfluss der Gene ist bei verschiedenen Personen unterschiedlich gross. Und selbst wenn der genetische Anteil bei einer Person sehr hoch ist, können Gegenstrategien ergriffen werden, damit die Genetik nicht zum Tragen kommt.“

153 Gene tangiert

Um den genetischen Anteil von Depressionen besser zu verstehen, haben sich über 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit im Psychiatric Genomics Consortium (PGC) zusammengeschlossen. Dieser Forschungsverbund hat nun neue Erkenntnisse vorgelegt, die auf genetischen Daten von 135'000 Betroffenen und mehr als 344'000 Kontrollpersonen beruhen. Die Forscher haben im Erbgut – neben den 14 bereits bekannten Genorten – 30 weitere entdeckt, in denen häufige genetische Varianten (Single Nucleotide Polymorphisms/SNP) mit Depressionen im Zusammenhang stehen. Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler zeigen, dass 153 der insgesamt rund 19'00 untersuchten menschlichen Gene nach aktuellem Wissen mit Depressionen in Verbindung stehen.

Neue Angriffspunkte für Medikamente

Nach Auskunft von Prof. Marcella Rietschel sind die jüngsten Erkenntnisse auch relevant für die künftige medikamentöse Behandlung von Depressionen. „Mit den hier identifizierten Genen hat man erstmalig Zugriff auf eine Reihe von ganz neuen Kandidaten, die auf ihre Eignung als Medikamenten-Angriffspunkte untersucht werden können. Hierbei ist es sehr beruhigend, dass einige der Gene quasi 'alte Bekannte' in Hinblick auf eine mögliche Verbindung zur Depression darstellen. Dies ist u.a. der Fall für das neuronale Calcium Signaling (CACNA1E und CACNA2D), die dopaminerge (DRD2 Gen) und die glutamaterge Neurotransmission (GRIK5 und GRM5 Gen). Ausserdem zeigte sich in einer weiteren Untersuchung, dass die genomweit signifikanten Einzelmarker – weitaus häufiger als durch Zufall zu erwarten – für Eiweisse kodieren, an die Antidepressiva angreifen.“

Ein Forscherteam stellt neue Grundlagen zum Verständnis der genetischen Faktoren von #Depressionen bereit. http://bit.ly/2Iow2nK #iph
Am ZI Mannheim sind Marcella Rietschel und ihr Forscherteam seit Beginn an der weltweiten Studie zur Erforschung von Depressionen beteiligt.
Am ZI Mannheim sind Marcella Rietschel und ihr Forscherteam seit Beginn an der weltweiten Studie zur Erforschung von Depressionen beteiligt.
 

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