Themen

5. August 2015

Warum wir altern

Bereits Mitte 20 setzt der Abbau des menschlichen Organismus ein. Die Forschung hat für diesen Vorgang eine schlagende Begründung: Unser Körper altert, weil er – nachdem er sich fortgepflanzt hat – keine evolutionsbiologische Funktion mehr hat.

Zellen haben die nützliche Eigenschaft, sich durch Teilung vervielfältigen zu können. Hätten menschliche Zellen diese Eigenschaft zeitlich unbeschränkt, würde sich unser Körper kontinuierlich erneuern – wir könnten ewig leben. Leider sind aber nur Keimzellen in der Lage, sich endlos zu reproduzieren. Körperzellen hingegen geht diese Fähigkeit ab, wie der US-amerikanische Zellbiologe Leonard Hayflick schon in den 1960er Jahren herausfand. Die molekularbiologische Altersforschung hat in den letzten Jahrzehnten neue, bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen. Ein wichtiger Treiber der Zellalterung (zelluläre Seneszenz) ist das Protein p53. Dieses Eiweiss hat eigentlich die Funktion, Schäden im Erbgut der Zellen zu reparieren. Nehmen die genetischen Defekte allerdings überhand, kann p53 die Zellen veranlassen, ihre Teilung ganz einzustellen. „Der menschliche Körper ist sozusagen nicht dafür ausgelegt, so lange durchzuhalten, wie wir es heute dank medizinischen Fortschritts schaffen“, schreibt der Kölner Genetiker Prof. Björn Schumacher in seinem kürzlich erschienenen Buch über das menschliche Altern*.

Evolutionär nicht mehr von Nutzen

Warum unser Organismus altert, erklärt die Biologie mit Hilfe der Evolutionslehre von Charles Darwin: Der Körper des einzelnen Individuums ist, nachdem er sich fortgepflanzt hat, für die Erhaltung der Menschheit nicht mehr erforderlich. Dieser Gedanke steht schon im Zentrum der Theorie des wegwerfbaren Körpers (disposable soma theory), die der englische Biologe Thomas Kirkwood Ende der 1970er Jahre entworfen hat: jene Gene, die den Verfall des Körpers in späteren Lebensjahren begünstigen bzw. vorantreiben, werden durch die evolutionäre Selektion nicht aus dem Genpool der menschlichen Spezies ausgeschieden. „Die evolutionäre Nutzlosigkeit der Erhaltung der Körperfunktion nach der Fortpflanzung ist die grundsätzliche Ursache von Gebrechlichkeit, Krankheit und Schwäche im Alter“, sagt Björn Schumacher, Inhaber des Lehrstuhls für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung an der Medizinischen Fakultät Köln.

Dank Kindern länger leben

Ganz so unerbittlich, wie es auf den ersten Blick scheint, meint es die Evolution mit dem Menschen dann doch nicht. Die menschliche Spezies kann nämlich nur überleben, wenn die Eltern ihre Kinder auch grossziehen und damit ihr Überleben sichern. So gesehen haben auch Eltern und selbst Grosseltern einen evolutionsbiologischen Sinn. Zudem sind Menschen der Evolution nicht einfach ausgeliefert. Sie können diese durch ihr Verhalten auch ein Stück weit beeinflussen. Ja sie können die Gesetze der Evolutionslehre im Prinzip sogar dazu nutzen, ihr Leben zu verlängern: Wenn wir unsere Kinder immer später bekommen, wie das in den letzten Jahrzehnten zumindest in den hochentwickelten Industriegesellschaften zu beobachten ist, dann werden wir auch länger leben. Das bestätigt Altersforscher Schumacher: „Das ist in der Tat die Vorhersage der Evolutionstheorie. Natürlich vollziehen sich solche Veränderungen erst nach sehr vielen Generationen. Aber wenn sich die heutige Tendenz, dass Paare ihre Kinder immer später kriegen, über 30 Generationen und mehr fortsetzt, wird die Lebenserwartung tatsächlich zunehmen.“

*Björn Schumacher: Das Geheimnis des menschlichen Alterns. München 2015.

http://bit.ly/2kSMaAk #iph
Prof. Bjön Schumacher
Prof. Björn Schumacher von der Universitätsklinik Köln hat ein Buch über das menschliche Altern verfasst.
 

Weitere Themen