Themen

22. Oktober 2015

„Nicht mehr täuschen als nötig“

Janine Graf-Wäspe (32) wurde von der deutschen 'Akademie für Ethik in der Medizin' für ihre Arbeit über die Legitimität von Schein-Elementen in der Betreuung von Menschen mit Demenz ausgezeichnet. Im Interview gibt sie Auskunft über ihre Forschung.

Frau Graf-Wäspe, Sie haben in ihrer preisgekrönten Forschungsarbeit untersucht, ob es aus ethischer Sicht vertretbar ist, bei der Betreuung von demenzkranken Personen Schein-Elemente einzusetzen. Was sind Schein-Elemente?
Janine Graf-Wäspe:
Schein-Elemente sind Mittel, die von Institutionen, die Menschen mit Demenz betreuen, eingesetzt werden, zumindest im Wissen darum, dass diese Assoziationen auslösen können, die nicht der Realität entsprechen. Ein Schein-Element ist zum Beispiel eine Bushaltestelle, die im Garten oder auf dem Dach eines Hauses steht und an der keine Busse verkehren. Oder der Nachbau eines Zugabteils, in dessen ‚Fenster‘ eine Filmaufnahme der Strecke Bern-Brig zu sehen ist. Das Zugabteil kann bei Menschen mit Demenz den Eindruck erwecken, er bzw. sie sei tatsächlich mit der Bahn unterwegs. Ein Schein-Element kann aber auch ein weisser Kittel sein, den ein Pfleger zur Blutentnahme bei einem Menschen mit Demenz überzieht. Der Patient nimmt irrtümlicherweise an, er werde gerade von einem Arzt behandelt.

Schein-Elemente sind also Täuschungen.
Ja, sie haben die Eigenheit, dass sie täuschen können. Gesunde Menschen verfallen dieser Täuschung nicht. Bei an Demenz erkrankten Menschen ist das oft anders, denn sie können nicht mehr zwischen Realität und Illusion unterscheiden. Nehmen Sie das Beispiel der Bushaltestelle: Menschen mit Demenz sind oft am Suchen; sie gehen also auf die Suche, finden diese Bushaltestelle, irgendein Ziel vor Augen. Sie setzen sich auf die Wartebank und warten – bis sie vergessen haben, warum sie hierher gekommen sind.Naturgemäss ist es schwierig zu messen, welche Wirkung Schein-Elemente auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz haben. Viele Betreuungspersonen sind allerdings überzeugt, dass Schein-Elemente die Lebensqualität von Menschen mit Demenz positiv beeinflussen. Sie berichten, eine solche Bushaltestelle zum Beispiel könne eine beruhigende Wirkung haben, wenn nicht sogar als Weglaufschutz dienen – die Bushaltestelle mache es möglich, dass in ihrer Institution weniger Türen geschlossen werden müssten, den Patienten also mehr Freiraum gewährt werden könne.

Sind Schein-Elemente vergleichbar mit einem Placebo-Medikament?
Natürlich handelt es sich bei einem Placebo auch um eine Art Schein, der in Kombination mit dem Wohlbefinden steht. Weitere Parallelen dünken mich auf den ersten Blick eher weit hergeholt.

Wo und wie werden Schein-Elemente in der Betreuung Demenzkranker angewendet?
Schein-Elemente liegen im Trend, sie werden mehr und mehr eingesetzt. In der Schweiz sehr bekannt für den Einsatz von Schein-Elementen ist das Domicil Bethlehemacker in Bern. Dort gibt es das bereits erwähnte Zugabteil, mit dem Menschen mit Demenz 'verreisen' können. Es gibt da auch Bildschirm-Aquarien und -Cheminees. Das sind ebenfalls Schein-Elemente, denn sie erzeugen die Illusion von echten Fischen bzw. von echtem Feuer. Die Bushaltestelle kenne ich bisher nur aus Betreuungseinrichtungen in Deutschland und Österreich.

Das Alterszentrum Bruggwiesen in Effretikon hat Mitte Mai die Roboter-Robbe Paro angeschafft, die mit dem Schwanz wedelt, wenn man sie streichelt, und zu weiteren Interaktionen mit Patienten fähig ist. Gegen den Einsatz von Paro wird von Kritikern nicht nur der Vorwurf der Täuschung angeführt, sondern auch noch der Vorwurf der Substitution menschlicher Zuwendung. Diesen Aspekt konnte ich in meinem preisgekrönten Beitrag leider nicht ausführen.

Sie haben in der erwähnten Arbeit den Einsatz von Schein-Elementen aus ethischer Sicht abgewogen. Wann ist nach dieser Abwägung der Einsatz von Schein-Elementen zulässig, wann nicht?
Grundsätzlich ist es erlaubt, solche Elemente in der Betreuung von Menschen mit Demenz einzusetzen. Dabei gilt es jedoch zu differenzieren: Ich halte den Einsatz von Schein-Elementen für zulässig, wenn die Irreführung des Menschen mit Demenz bloss in Kauf genommen wird. Weiter kann unter Umständen auch eine intendierte Irreführung zulässig sein, dann nämlich, wenn beim Menschen mit Demenz Not oder Leid vermindert werden kann.

Ich möchte mit meiner Arbeit den Menschen, die Menschen mit Demenz betreuen, ein Bewertungsraster an die Hand geben, mit dem sie Schein-Elemente in der Praxis diskutieren und beurteilen können. Ein wichtiges Kriterium zur Erkennung des Irreführungsgrads bei einem Schein-Element ist die Gestaltungsauthentizität. Ich störe mich daran, wenn so viel Mühe darauf verwendet wird, ein Schein-Element absolut wirklichkeitsnah aussehen zu lassen. Wenn ich eine Bushaltestelle als Schein-Element einsetze, dann ist zu überdenken, ob es ein Logo der lokalen Verkehrsbetriebe und einen künstlichen Fahrplan braucht. Vielleicht reicht es für den positiven Effekt auf die Lebensqualität ja schon, wenn dort einfach eine Wartebank steht.
Man soll nicht mehr täuschen als nötig. Denn auch Menschen mit Demenz haben manchmal einen lichten Moment, und die Verletzung, die dann durch eine Täuschung entsteht, kann die Lebensqualität der Patienten negativ beeinflussen.

Sie sind Betriebsökonomin und arbeiten in der Verwaltung der Alterszentren der Stadt Zürich. Was hat Sie auf die Idee gebracht, zum Thema Schein-Elemente zu forschen?
Ich habe früher in der Sonnweid in Wetzikon gearbeitet, ein Haus, das auf die Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz spezialisiert ist. Mein damaliger Chef war ein dezidierter Gegner von Schein-Elementen. Mich störte, wie polemisch die Debatte in der Öffentlichkeit geführt wurde. Es gab keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Argumenten aus den zwei Lagern. Die Masterarbeit für meine Weiterbildung an der Universität Zürich in angewandter Ethik gab mir die Gelegenheit, diese Fragestellung um die Schein-Elemente differenziert zu betrachten und die aus meiner Sicht fehlende Auseinandersetzung zu forcieren.

http://bit.ly/2kRFd2x #iph
Janine Graf-Wäspe
Betriebsökonomin FH mit einem Master in angewandter Ethik: Janine Graf-Wäspe.

Weitere Themen