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16. Dezember 2015

„Völlig neue Perspektiven“

Um im Kampf gegen Krebs weitere Fortschritte zu erzielen, etabliert das Universitätsspital Basel zwei Kompetenznetzwerke für Molekulare Tumortherapie und für Immuntherapie. Im Interview erläutern die verantwortlichen Ärzte die Ziele der Netzwerke.

Prof. Zippelius, Sie sind stellvertretender Chefarzt Onkologie am Universitätsspital Basel und Leiter des neuen Kompetenznetzwerks für Immuntherapie. Landläufig kennt man drei Arten von Krebstherapien: erstens die chirurgische Entfernung von Tumoren, zweitens die Chemo- und drittens die Strahlentherapie. In welchem Verhältnis stehen dazu Immuntherapien gegen Krebs?
Prof. Alfred Zippelius: Die drei von Ihnen genannten Therapieformen widerspiegeln den Stand der Onkologie in den 1960er und 1970er Jahren. Damals kannte man für die Behandlung von Krebstumoren tatsächlich nur diese drei Optionen. Seither hat die Krebsmedizin grosse Fortschritte gemacht. Heute muss man Krebstherapien richtigerweise in folgende drei Gruppen einteilen: Operation, Strahlentherapie und systemische onkologische Therapie. Die systemische onkologische Therapie umfasst die Chemotherapie, die Immuntherapie und die molekulare Therapie. Immuntherapien und molekulare Therapien eröffnen völlig neue Perspektiven in der Krebsmedizin. Für beide Therapieansätze wurde am Universitätsspital Basel daher vor kurzem jeweils ein eigenes Kompetenznetzwerk ins Leben gerufen.

Dr. Wicki, Sie leiten das Kompetenznetzwerk für Molekulare Tumortherapie, und zwar gemeinsam mit Dr. Sacha Rothschild. Wo steht die Medizin heute bei den molekularen Therapien? Welche Erfolge wurden bereits erzielt?
Dr. Andreas Wicki: Bei molekularen Therapien geht es darum, den Tumor auf seine biologischen Eigenschaften hin zu untersuchen, also zum Beispiel das Erbgut der Tumorzellen zu analysieren. Auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse entscheidet der Arzt, welche Therapie bei einem einzelnen Patienten zur Anwendung kommt. Molekulare Therapien sind heute beispielsweise für Lungentumoren, Schwarzen Hautkrebs oder Dickdarmkrebs verfügbar. Wir finden im Erbgut der jeweiligen Krebszellen molekulare Marker – zum Beispiel eine Veränderung des Erbguts –, die uns Hinweise geben, welche Behandlung den besten Erfolg verspricht.

Wie erfolgreich dieser Therapieansatz ist, zeigt das Beispiel Schwarzer Hautkrebs: Noch 2008 hatte nur jeder vierte Patient mit Schwarzem Hautkrebs eine Lebenserwartung von mehr als einem Jahr. Heute, nur sieben Jahre später, haben etwa 80 Prozent der Betroffenen eine solche Lebenserwartung.

Prof. Zippelius, wo steht die Medizin heute bei den Immuntherapien?
Zippelius: Immuntherapien setzen nicht bei den Tumorzellen selber an, sondern bei Zellen, die die Tumorzellen umgeben, nämlich bei den Immunzellen. Während molekulare Therapien erst in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, ist das Prinzip der Immuntherapie schon lange bekannt. Seit mehr als 100 Jahren versucht man, die Immunantwort zu stimulieren und für die Heilung von Krankheiten zu nutzen. Allerdings hat diese Methode bei Krebs lange nicht richtig funktioniert. Vor rund 20 Jahren entdeckte man dann, dass Tumoren wie eine Bremse gegen die Immunantwort wirken. Erst als man Wege fand, diese Bremswirkung auszuhebeln, wurden Immuntherapien gegen Krebs möglich. Heute können wir mit diesen Therapien Tumoren direkt ansprechen, sie also wirksam eindämmen. Erfreulicherweise können wir Krebsgeschwüre auf diesem Weg auch dauerhaft in Schach halten. Resistenzen, wie man sie bei molekularen Therapien beobachtet, scheint es bei der Immuntherapie kaum zu geben.

Die beiden Therapieansätze – die Immuntherapie und die molekulare Therapie – liefern sich quasi ein Wettrennen um die bessere Krebstherapie?
Zippelius: Die beiden Therapiewege wirken zwar unterschiedlich, aber sie ergänzen sich insofern, als wir sie nacheinander anwenden können. Die Zukunft könnte uns dahin führen, dass wir die beiden Therapien sogar gleichzeitig anwenden.

Wicki: Interessanterweise kann man den Schwarzen Hautkrebs mit einer molekularen Therapie erfolgreich behandeln, aber auch mit einer Immuntherapie. Wir haben also zwei Therapiewege zur Verfügung, die zum gleichen Resultat führen.

Zippelius: Dieses Beispiel zeigt auch, dass eine erfolgreiche Behandlung nicht zwingend heisst, dass der Krebs 'geheilt' ist. Studien zeigen, dass bei vielen Patienten mit Schwarzem Hautkrebs der Tumor nach einer Immuntherapie stabil ist, und das über viele Jahre. Die Patienten haben also weiterhin einen Tumor, führen aber ein normales Leben.

Im Universitätsspital Basel setzen sich Krebsspezialisten unterschiedlicher Richtung neu an einen Tisch, um die Behandlung eines Krebspatienten zu besprechen. Wie läuft das konkret ab?
Wicki: Seit Anfang September haben wir in Basel eine sogenannte 'Molekulare Tumorkonferenz'. Gemeint ist damit ein Treffen, bei dem ein halbes Dutzend und mehr Experten zusammenkommen, um gemeinsam die optimale Behandlung für einen Krebspatienten zu finden. Zu Beginn des Treffens berichtet der betreuende Arzt über den Patienten. Anschliessend hören wir zum Beispiel von einem Genetiker, was die Gen-Analyse der Tumorzellen ergeben hat. Dann bringen Pathologen, Molekularbiologen, Onkologen und weitere Fachleute ihr Wissen ein – in Zukunft werden wir wohl auch einen Bioinformatiker dabei haben. Auf der Grundlage aller Befunde schlägt die Tumorkonferenz dann eine spezifische Therapie für den Patienten vor.

Tumorkonferenzen gibt es schon lange; neu für die Schweiz ist aber die Form der Molekularen Tumorkonferenz, wie wir sie in Basel etabliert haben. In dieser Form, auch in der Verbindung mit den Immuntherapien, gibt es das zum ersten Mal in der Schweiz. In den USA haben schon rund 30 Kliniken solche Molekularen Tumorkonferenzen eingerichtet. Ich gehe davon aus, dass das in den nächsten Jahren ein neuer Standard werden wird, der sich an allen Krebskliniken durchsetzt.

Die Patienten selbst sind bei den Tumorkonferenzen übrigens nicht anwesend. Sie werden von ihrem betreuenden Arzt informiert, dass eine Tumorkonferenz stattfindet, und erfahren anschliessend, welche Behandlung vorgeschlagen wird. Das Interesse an der neu geschaffenen Tumorkonferenz in Basel ist sehr gross. Meistens sind rund 30 Leute mit dabei, ein Teil davon zum Zweck der Weiterbildung.

Die beiden neu geschaffenen Kompetenzzentren zur Tumortherapie planen auch einen Ausbau der klinischen Forschung. Warum ist das angezeigt?

Wicki: Klinische Forschung ist nötig, um die Erkenntnisse der industriellen und akademischen Grundlagenforschung zu den Patienten zu bringen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten kommen heute sehr viele Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen ('compounds') aus den Laboren. Diese müssen alle in klinischen Tests auf ihre Eignung für Patienten hin untersucht werden. An der Stelle besteht zur Zeit ein Flaschenhals. Unsere beiden Netzwerke sollen helfen, geeignete klinische Studien aufzuziehen, um neue Substanzen für künftige Medikamente klinisch testen zu können.

Herr Zippelius, wo wollen Sie künftig mit Ihrem neuen Kompetenznetzwerk den Schwerpunkt bei der Erforschung von Immuntherapien legen?
Zippelius: Wir wollen daran arbeiten, die Wirkungsmechanismen potenzieller medizinischer Wirkstoffe genau zu verstehen. Das ist nötig, weil viele dieser Compounds bisher nur in gesundem Gewebe getestet wurden. Immuntherapien eröffnen fantastische Möglichkeiten, bei der Umsetzung gibt es aber viele Hürden zu überwinden, da die Behandlungen sehr komplex sind und hohe Sicherheitsstandards z.B. bezüglich Nebenwirkungen erfüllen müssen. Bei der Überführung neuer Immuntherapien in die klinische Praxis fällt grossen akademischen Zentren wie Basel eine Vorreiterrolle zu.

Herr Wicki, auf welche Fragestellungen wollen Sie mit dem Kompetenznetzwerk für Molekulare Tumortherapie in Zukunft den Fokus richten?
Wicki: Wir können das Erbgut der Tumorzellen heute sehr gut sequenzieren, sogar vollständig, wenn wir wollen. Dabei fallen riesige Mengen von Daten an, von denen wir heute erst einen Bruchteil nutzen können, um nützliche Therapien für die Patienten abzuleiten. In den nächsten Jahren wird es darum gehen, diese Flut an Daten für jeden einzelnen Patienten auch wirklich nutzbar zu machen. Das ist eine medizinische Aufgabe, aber auch eine Aufgabe für die Informatik. Denn ein einzelner Onkologe ist überfordert, aus mehreren Hundert Mutationen in einer Tumorzelle die richtigen Schlüsse zu ziehen. Mittelfristig brauchen wir Algorithmen und geeignete Software, die aus den Analysedaten geeignete Behandlungsstrategien vorschlagen.

http://bit.ly/2xPrvqm #iph
Basler Krebsspezialisten
Die Basler Krebsspezialisten Prof. Alfred Zippelius und Dr. Andreas Wicki

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