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4. März 2016

Die Zukunft der 3R

An der gestrigen Veranstaltung des Schweizer Tierschutz haben Vertreter von Akademie, Industrie, Behörden und Tierschutz die zukünftigen Herausforderungen im Bereich 3R-Forschung erörtert.

Bei der 9. Tierversuchstagung des Schweizer Tierschutz STS ging es um die 3R-Forschung* in der Schweiz und die Suche nach Ersatzmethoden zu Tierversuchen. In der Schweizer Tierschutzgesetzgebung ist die Förderung und Implementierung von 3R-Methoden seit 1993 festgeschrieben. Das wissenschaftliche und wirtschaftliche Potential von 3R-Methoden ist unbestritten, jedoch beklagt der Tierschutz, dass solche Methoden und die Forschung für diese noch zu stiefmütterlich behandelt werden.

Aktive Forschungsgemeinde
Dass sich einiges tut in der 3R-Forschung, zeigten die Ausführungen von Dr. Mardas Daneshian, CEO von CAAT-Europe. „Die neue Ära der Lebenswissenschaften ist geprägt durch den Validitätsgedanken (z.B. Reproduzierbarkeit von Versuchen), durch den Einsatz von menschlichen Biomaterialien (3D-Zellkulturen oder Organoide) und durch die Kombination von Computer-basierten Ansätzen“, erzählte Dr. Daneshian. Auch Prof. Dr. Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, berichtete über 3R-Methoden, die in der Hochschulforschung zum Einsatz kommen. „Für uns sind alle 3R gleichsam von Bedeutung. Die Erkenntnisse kommen z.B. zur direkten Anwendung in Forschung und Klinik und werden auch bei der Weiterbildung der Forschenden eingebracht“ führte Hengartner aus.

Wissenschaftliche Herausforderungen
Gerade die Tierversuche in der Grundlagenforschung an den Universitäten werden häufig kritisiert. Prof. Dr. Rolf Zeller, Department Biomedizin der Universität Basel, betonte, dass für den Erkenntnisgewinn und das bessere Verständnis der fundamentalen biologischen Prozesse Tierversuche notwendig seien. „Ohne solche Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung ist die Suche nach Therapien und neuen Medikamenten in der angewandten Forschung nicht möglich“, sagte Zeller. „Ein signifikanter Teil der heutigen Grundlagenforschung erfolgt mit zellulären und computerbasierten Modellen. Durch die Bioinformatik können heute Tierversuche viel gezielter zum Einsatz kommen und werden nur dann durchgeführt, wenn komplexe Prozesse wie z.B. die Embryonalentwicklung oder die Organbildung durch andere Systeme nicht erforscht werden können“, betonte Zeller.

Prof. Dr. Olivier Guenat, von ARTOG Center for Biomedical Engeneering Research der Universität Bern, berichtete von zwei neuen in vitro-Modellen für die Lunge, die in Zusammenarbeit mit der Pneumologie und der Thoraxchirurgie des Inselspitals Bern entwickelt werden. Mit diesen sollen bestimmte Lungenkrankheiten wie die Lungenfibrose und Lungenkrebs reproduzierbar werden. „Aus meiner Sicht liegt die Zukunft in der Entwicklung von in vitro-Modellen, die eine spezifische Fragestellung liefern und damit die Zahl der Tierversuche deutlich reduzieren können. Die Komplexitätdes menschlichen Körpers lässt sich aber nur schwer in vitro-Modellen nachbilden“, erklärte Guenat.

Die Zukunft der 3R in der Schweiz
Nationalrätin Maya Graf begrüsste das geplante nationale 3R-Kompetenzzentrum. Die vorgeschlagenen Massnahmen des Bundesrates zur Stärkung der 3R werden von Akademie, Industrie, Behörden und Tierschutz grösstenteils unterstützt. So könnte das Zentrum als Koordinationsstelle für Wissenschaft, Industrie und Aufsichtsbehörden oder auch als Plattform für Wissenstransfer und Austausch von Know-How fungieren. Für Dr. med. vet. Stefanie Schindler von Animalfree-Research, sind die internationale Vernetzung, eine 3R-Projektkoordinierung und ein freier Zugang zu Publikationen - auch von negativen Resultaten - Punkte, die zukünftig verstärkt aufgenommen werden sollten.

Dr. med. vet. Kaspar Jörger, Leiter Tierschutz vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, erklärte in der anschliessenden Paneldiskussion, dass das zukünftige Engagement der verschiedenen Interessensgruppen wichtig ist für die optimale Umsetzung des nationalen Kompetenzzentrums. Thomas Cueni, Generalsekretär von Interpharma, betont dass von Seiten der Industrie auch in Zukunft Interesse besteht, die 3R-Kompetenzen zu fördern und ein entsprechendes Zentrum Unterstützung finde.

*3R steht für Replace (Tierversuche ersetzen), Reduce (Reduktion der Tierzahlen) und Refine (technische Verbesserung der Tierversuche). Mit der Anwendung der 3R-Prinzipien sollen Tierversuche auf das absolute Minimum beschränkt und die Tiere so wenig wie möglich belastet werden.

http://bit.ly/2xP4qUu #iph
STS-Tagung
Rund 80 Interessierte aus Tierschutz, Forschung, Industrie und Behörde nahmen an der 9. Tierversuchstagung des STS teil.
 

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