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21. Juni 2016

Biomarker für Nervenzellschäden

An der Menge winzig kleiner Partikel in der Gehirnflüssigkeit oder im Blut lässt sich erkennen, wie neurogenerative Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer oder Multiple Sklerose fortschreiten. Forscher haben dazu neue Erkenntnisse gewonnen.

Bei Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson werden die Nervenzellen im Gehirn beschädigt. Als Folge dieser Zerstörungen gelangen fadenförmige Proteine ('Neurofilamente') aus dem Innern der Nervenzellen in die Gehirnflüssigkeit (Liquor) und auch ins Blut. Wissenschaftler bemühen sich seit längerer Zeit, diese Neurofilamente nachzuweisen, um daraus Rückschlüsse auf den Verlauf neurodegenerativer Krankheiten zu ziehen. „Die Neurofilamente kommen in leichten und in schweren Ketten vor. Uns ist es nun erstmals gelungen, jene aus leichten Ketten zuverlässig im Blut nachzuweisen“, sagt PD Dr. Jens Kuhle vom Departement Biomedizin und Klinische Forschung von Universitätsspital und Universität Basel. Die Gruppe aus Basler und Tübinger Forschern hat ihre Erkenntnisse jüngst in der Fachzeitschrift 'Neuron' veröffentlicht.

Sehr geringe Konzentration

Neurofilamente kommen im Blut in 50 bis 100mal geringerer Konzentration vor als in der Gehirnflüssigkeit, entsprechend schwierig sind sie nachzuweisen. Da dies nun anhand der leichten Filamente erstmals gelungen ist, eröffnet es neue medizinische Möglichkeiten, wie Jens Kuhle erläutert: „Wir tun uns bei diesen Krankheiten bisher sehr schwer, die Schwere der Krankheit genau zu bestimmen. Die Neurofilamente könnten uns als Marker dienen, um festzustellen, ob eine Krankheit stabil bleibt oder sich verschlechtert.“ Dass die Neurofilamente sich dafür eigenen, haben die Wissenschaftler am Tiermodell (Mäuse) und bei Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen nachgewiesen.

An der Schwelle zur Anwendung

Der potenzielle Nutzen der Neurofilamente reicht über die reine Bestimmung des Krankheitszustands hinaus. Laut Kuhle könnten die Proteine künftig gute Dienste bei der Entwicklung neuer Medikamente leisten: „Die Menge der Neurofilamente im Blut könnte auch anzeigen, wie gut ein Medikament wirkt. Das dürfte uns erlauben, die Effekte potenzieller Wirkstoffe in klinischen Studien sehr viel genauer zu messen als bisher. Für aussagekräftige klinische Studien könnten in Zukunft deshalb weniger Patienten nötig sein“, sagt der Basler Neurologe. Einen Nutzen versprechen die Neurofilamente auch bei der Behandlung von Patienten, wie Jens Kuhle am Beispiel der Multiplen Sklerose (MS) erläutert: „Bei MS haben wir ungefähr zehn Medikamente, und Ärzte tun sich oft schwer zu entscheiden, wann man bei einem Patienten auf ein anderes wechseln sollte. Hier können die Neurofilamente nützliche Hinweise geben. In skandinavischen Ländern werden Neurofilament im Liquor heute schon eingesetzt, um bei MS Therapieentscheide zu treffen.“

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Dr. Jens Kuhle
Der in Basel tätige Neurologe PD Dr. Jens Kuhle.

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