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8. Januar 2018

„Sehr vielversprechende Wirkstoffe gegen Wurminfektionen“

Der Befall mit Würmern ist und bleibt eine der verbreitetsten Krankheiten weltweit. Eine wissenschaftliche Tagung am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) in Basel hat jetzt neue Strategien gegen Wurminfektionen diskutiert.

Herr Utzinger, ein Wissenschaftssymposium am Swiss TPH hat im Dezember neue Strategien im Kampf gegen parasitäre Wurminfektionen diskutiert. In der Schweiz sind solche Infektionen doch eher selten und lassen sich gut heilen. Warum braucht es neue Strategien?
Prof. Jürg Utzinger: Es stimmt, in der Schweiz sind parasitäre Wurminfektionen relativ selten. Allerdings kommen sie durch die Migration auch zu uns. Ein Beispiel: Wir haben neulich über 100 Eriträer untersucht, und etwa bei der Hälfte von ihnen eine Schistosomen-Infektion, also einen Befall mit Pärchenegel, nachgewiesen. Dieser hohe Anteil hat uns selber überrascht. Eine Gefährung durch Wurmerkrankungen ergibt sich aber auch für Touristen oder für alle Menschen, die aus anderen Gründen länger zum Beispiel in den Tropen leben.

Es heisst, dass rund 1,5 Milliarden Menschen von Haken-, Peitschen- und Rundwürmern betroffen sind, zudem weitere 250 Millionen von der Schistosomiase, welche in stehenden oder langsam fliessenden Süssgewässer übertragen wird.
Tatsächlich ist weltweit etwa jede fünfte oder sechste Personen mit Würmern infiziert, aber weil die Menschen gewöhnlich in den Tropen und Subtropen leben, oft in den entlegendsten Gebieten, hört man über diese Erkrankungen bei uns relativ wenig. Dabei handelt es sich gemessen an der Zahl der Betroffenen um eine der häufigsten Krankheiten überhaupt.

Das ist auch der Grund, dass der Befall durch parasitäre Würmer zu den „vernachlässigten“ Tropenkrankheiten gezählt wird?
Genau! Den Begriff der „vernachlässigten“ Tropenkrankheiten benutzt man seit ungefähr zehn Jahren, um hier ein neues Bewusstsein zu schaffen. Lange Zeit sind sehr wenig Gelder in Forschung und Entwicklung neuer Diagnostika, Medikamente oder Impfstoffe geflossen.

Wie lassen sich Wurminfektionen bekämpfen?
Die wichtigste Strategie der Weltgesundheitsorganisation ist eine periodische Entwurmung ganzer Bevölkerungsgruppen, in die also auch gesunde Menschen einbezogen werden. Mathematische Modelle haben gezeigt, dass dies kostengünstiger ist, als wenn man zunächst durch diagnostische Abklärungen die kranken Personen identifizieren würde.

Ganz wichtig aber ist auch die Prävention, also ein verbesserter Zugang zu Trinkwasser und gute sanitäre Einrichtungen. Hinzu kommt die Gesundheitserziehung: Etwa regelmässig die Hände mit Seife zu waschen, bevor man Früchte oder Gemüse anfasst, ebenso nach dem Aufsuchen einer Toilette.

Bei der Schistosomiase spielt ausserdem eine Schnecke als Zwischenwirt eine wichtige Rolle. Diese lässt sich mit biologischen oder chemischen Mitteln bekämpfen.

Wo vorbeugende Massnahmen nicht erfolgreich sind, braucht es Heilmittel. Wie beurteilen Sie hier die aktuelle Situation?
Es gibt nach wie vor nur ganz wenige Heilmittel, die gegen die meisten dieser parasitären Würmer angewandt werden können. Für die Schistosomiase zum Beispiel gibt es ein einziges Medikament, nämlich Praziquantel. Das wirkt nach wie vor relativ gut, aber es heilt nicht 100% der behandelten Leute. Man hat auch Angst, dass dieses Medikament bei langjähriger, grossflächiger Anwendung aufgrund von Resistenzen seine Wirksamkeit einbüssen könnte.

Um dieses potenzielle Risiko – eine Zeitbombe! – aus dem Weg zu räumen, ist es ganz wichtig, dass man zusätzliche Medikamente entwickelt. So hätte man eine Alternative zur Hand, falls in Zukunft Resistenzen auftreten sollten. Eine weitere Option ist die Verwendung verschiedener Wirkstoffe in Kombinationstherapien.

Am Symposium des Swiss TPH wurden die neuen Ansätze diskutiert. Können Sie ein, zwei vielversprechende Beispiele für neue Heilungsansätze nennen? 
Vertreter aus der Forschung haben über zwei, drei neue, sehr vielversprechende Wirkstoffe berichtet. Genau genommen sind es gar nicht neue Wirkstoffe, sondern bekannte Arzneimittel, die aus anderen Bereichen übernommen werden sollen, um Wurmkrankheiten zu behandeln. So hat man zum Beispiel gesehen, dass Malaria-Medikamente wie Artemisinin oder Mefloquine auch einen Effekt bei parasitären Wurminfektionen haben. Selbst bei Arzneimitteln aus der Veterinärmedizin hat man festgestellt, dass sie Menschen mit Wurminfektionen helfen könnten.

Ich möchte eine weiteres Beispiel aus der Fachtagung hervorheben, das sehr schön das Potenzial einer integrierten Kontrolle aufzeigt: Hier wurden in der Gesundheitserziehung animierte Cartoons eingesetzt, die auf die lokale Bevölkerung zugeschnitten sind. Parallel erfolgte wo erforderlich eine Behandlung mit Arzneimitteln. Das führte zu einem sehr guten Gesamtergebnis.

Wo sehen Sie den dringendsten Forschungsbedarf?
Wir müssen, wie bereits erwähnt, neue Medikamente entwickeln, um gegen künftige Resistenzen gewappnet zu sein. Wenn wir Wurminfektionen eliminieren wollen, brauchen wir zudem neue, hoch sensitive Diagnostika. Denn nur mit ihnen können wir am Schluss den Nachweis erbringen, dass wir die Übertragung zuverlässig stoppen konnten. Langfristig brauchen wir wahrscheinlich auch noch Impfstoffe. In dem Bereich wird momentan noch sehr wenig geforscht und es fliesst kaum Geld.

Welchen Beitrag kann/soll die Schweiz zur Forschung leisten?
Ein wichtiger Beitrag der Schweiz ist die Unterstützung von sogenannten Public-Private-Partnerships (PPPs) oder Product-Development-Partnerships (PDPs). Im Bereich der parasitären Würmer (Helminthen) haben wir in der Schweiz zwei PPPs/PDPs, die beide in Genf zuhause sind: die Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi), die gemeinsam mit akademischen Forschungseinrichtungen und der Pharmaindustrie neue Arzneimittel entwickelt. Und die Foundation for Innovative New Diagnostics (FIND), die – wie der Name sagt – neue Diagnostika zu entwickeln versucht.

Darüber hinaus liefern das Swiss TPH, eine assoziierte Institution der Universität Basel, und weitere Forschungsinstitute landesweit einen wichtigen Beitrag zur Grundlagenforschung, aus der dann neue Diagnostika, Wirkstoffe und Vakzine hervorgehen werden.

Darf ich Ihre Ausführungen so verstehen, dass Wurminfektionen heute nicht mehr wirklich „vernachlässigt“ werden, dass sich die öffentliche Wahrnehmung in den letzten Jahren also gewandelt hat?
Absolut! Verschiedene pharmazeutische Firmen stellen Medikamente heute gratis zur Verfügung. Aufgrund des neusten Berichts der Weltgesundheitsorganisation wurden im Jahr 2016 zum ersten Mal über eine Milliarde Leute behandelt. Die Bekämpfung parasitärer Wurmerkrankungen stellt somit das grösste Public Health-Programm dar, das es je gab. Und für die Forschung steht heute zumindest etwas mehr Geld zur Verfügung.

Ausserdem wurden im Oktober 2015 der irische Parasitologe William C. Campbell und der japanische Biochemiker Satoshi Omura mit der einen Hälfte des Medizin-Nobelpreises ausgezeichnet. Sie hatten den Wirkstoff Avermectin entwickelt, der gegen Infektionen mit Fadenwürmern hilft. Diese Ehrung war ein schönes Zeichen, dass Tropenkrankheiten immer weniger „vernachlässigt“ werden.

http://bit.ly/2JkeK8j #iph
Prof. Jürg Utzinger
Der Epidemiologe Prof. Jürg Utzinger bei seinen Schlussbemerkungen während des Swiss TPH Winter Symposiums 2017 zu parasitären Wurmerkrankungen.
 

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