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15. März 2019

Darmentzündung hemmen

An den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa leiden in der Schweiz rund 20'000 Personen. Ein internationales Forscherteam mit Berner Beteiligung hat einen Schutzmechanismus des Immunsystems entdeckt, der helfen könnte

Noch ist trotz intensiver Forschung nicht abschliessend geklärt, über welche Mechanismen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen entstehen. Eine grosse Rolle spielt das Zusammenwirken von Bakterien, Viren, Nahrungsbestandteilen und anderen Umwelteinflüssen mit genetischen Faktoren. Die Vermutung geht dahin, dass eine überschiessende Abwehrreaktion des Immunsystems die Entzündung verursacht und aufrecht erhält. Ein internationales Forscherteam mit Beteiligung von Universität und Universitätsspital Bern hat nun neue Erkenntnisse gewonnen zu den molekularen Vorgängen, die mit diesen Entzündungen einhergehen. Darüber berichteten sie vor kurzem in der Fachzeitschrift 'Science'.

Schützende Antikörper

Im Zentrum des jüngsten Forschungsprojekts steht ein Bauteil von Darmzellen, das eine wichtige Rolle bei der zelleigenen Eiweissproduktion spielt: das sogenannte endoplasmatische Retikulum (ER). Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das ER – wenn es durch Umwelt- oder genetische Faktoren unter Stress gesetzt wird – einer Darmentzündung entgegenwirken kann, indem es bestimmte Immunzellen (B-Zellen) aus der Bauchhöhle rekrutiert und in diesen die Produktion von Antikörpern vom Typ IgA anregt. Zu ihren Erkenntnissen gelangten die Forscher unter anderem, indem sie das Immunsystem keimfreier Mäuse, das normalerweise nur geringe Mengen Antikörper vom Typ IgA herstellt, durch genetisch ausgelösten ER-Stress zur Produktion dieses Antikörpertyps anregten.

Weg zu einer Therapie

Die neuen Erkenntnisse wecken die Hoffnung auf neue Behandlungsmöglichkeiten von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Dazu Niklas Krupka, einer der Co-Erstautoren der Studie, der am Department for Biomedical Research der Universität Bern forscht und als Darmexperte an der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin im Berner Inselspital tätig ist: „Die Einwanderung von B-Zellen aus dem Bauchraum in den Darm führte in unseren Versuchen mit Mäusen über die Produktion von IgA-Antikörpern zu einer Verminderung einer Darmentzündung, die wir ebenfalls durch ER-Stress auslösten. Wir hoffen, dass wir diesen Mechanismus künftig nutzen können, um Entzündungen gezielt einzudämmen.“

Die schützenden Antikörper dürften sich allerdings kaum direkt therapeutisch nutzen lassen, unter anderem deshalb nicht, weil ihre genaue Zusammensetzung nicht bekannt ist und sie eine relativ kurze Lebensdauer haben. „Wir versprechen uns mehr von der Identifizierung der Faktoren, die vom ER-gestressten Darmepithel freigesetzt werden und die letztlich B-Zellen rekrutieren. Möglich wäre dann z.B. die Entwicklung von entsprechenden Wirkstoffen, die analog zum körpereigenen Mechanismus zu einer Freisetzung von schützenden IgA-Antikörpern führen.“

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Dünndarmschleimhaut von keimfreien Mäusen (Plasmazellen)
Fotolegende: „Dünndarmschleimhaut von keimfreien Mäusen: In grüner Farbe sind die Plasmazellen (B-Zellen des Immunsystems) erkennbar, die Antikörper vom Typ IgA produzieren, welche Darmentzündungen entgegenwirken. Foto: Brigham & Women’s Hospital, Harvard Medical School“
 

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