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17. April 2018

Es gibt gute Gründe optimistisch und ehrgeizig zu sein

Professor Hendrik Scholl führt das neue „Institute of Molecular and Clinical Ophthalmology Basel (IOB)“ zusammen mit Professor Botond Roska. Im Interview spricht er über neue Therapieformen.

Augenheilkunde ist eines der sich am schnellsten entwickelnden Fächer der Medizin. Die Universität Basel, das Universitätsspital Basel (USB) und Novartis haben ein neues Forschungsinstitut gegründet, welches im Januar 2018 seine Tätigkeit aufgenommen hat. Professor Hendrik Scholl wird das neue „Institute of Molecular and Clinical Ophthalmology Basel (IOB)“ zusammen mit Professor Botond Roska führen. Im Interview spricht er über neue Therapieformen und wie er Basel als Life-Science-Cluster nutzen möchte, um die Erforschung seiner Schwerpunkte weiter voranzubringen.

Netzhautdegenerationen sind in Mitteleuropa die häufigste Erblindungsursache. Bisher waren erblich bedingte Erkrankungen der Netzhaut nicht therapierbar. Die neuesten Forschungen von Prof. Dr. Hendrik Scholl, Chefarzt der Augenklinik des Universitätsspitals Basel, tragen zum Durchbruch in der Therapie bei: Bei erblindeten Menschen konnten signifikante Sehverbesserungen erzielt werden.

Herr Prof. Hendrik Scholl, Ihre Spezialisierung liegt auf der medizinischen und chirurgischen Behandlung von Netzhauterkrankungen. Welche Forschungsprojekte liegen Ihnen besonders am Herzen?
Prof. Hendrik Scholl: Ich möchte an dieser Stelle zwei Forschungsprojekte nennen. Das erste ist die Entwicklung einer Gentherapie für die sogenannte Stargardtsche Makuladystrophie. Bei dieser Erkrankung liegen Mutationen in einem Gen vor, die zu einer Makuladegeneration führen, das heisst dem Verlust des Sehzentrums. Die Therapie liegt nun darin, diesen Gendefekt zu beseitigen, in dem man das gesunde Gen mittels Vektoren, das sind Viren als Transportvehikel, in die Sehzellen bringt und damit den Gendefekt heilt. Zwar können bei dieser Herangehensweise die bereits abgestorbenen Sehzellen nicht wieder regeneriert werden. Wir gehen aber davon aus, dass die Zellen, die überlebt haben, mit dieser Therapie vor der Degeneration bewahrt werden können und dass die Degeneration insgesamt gestoppt wird. Es kann sogar möglich sein, dass sich bestimmte Zellen dank dieser gentherapeutischen Behandlung in ihrer Funktion verbessern. Diese Funktionsverbesserungen könnten somit zu einer begrenzten Verbesserung des Sehens beitragen.

Das zweite Forschungsprojekt ist die Erzeugung von Lichtempfindlichkeit in Zellen, die selber nicht lichtempfindlich sind. Bei der sogenannten Optogenetik gelingt es über Vektoren, dass ein sogenanntes «light switch»-Gen, vergleichbar mit einem Lichtschalter, in Zielgewebe gebracht werden kann. Diese Therapie wird möglich durch die geniale Erfindung von Botond Roskas Team: Die Vektoren bringen das Gen für Lichtempfindlichkeit in die sogenannten Ganglienzellen. Die Therapie kann somit diejenigen Zellen der Netzhaut erreichen, die trotz völliger Degeneration der Sehzellen, also bei vollständiger Erblindung, in der Netzhaut übriggeblieben sind. Mit diesen Zellen, die an den Sehnerv angeschlossen sind, kann Sehen wiederhergestellt werden. Die Ganglienzellen werden wieder lichtsensitiv und können das Lichtsignal an das Gehirn senden.

Diese Forschungsprojekte führen zu neuen Therapieformen. Welches sind dabei die konkreten Fortschritte in der Therapieentwicklung? 
Der konkrete Fortschritt liegt darin, dass wir mit den von Botond Roska entwickelten Vektoren wichtige Zellen der Netzhaut tatsächlich auch erreichen. Bisher war es nur möglich, die Schicht unterhalb der Netzhaut zu erreichen. Die Zellen, die wir nun erreichen können, sind insbesondere die Zapfen-Photorezeptoren und die Stäbchen-Photorezeptoren in der Netzhaut. Diese sind viel wichtiger, da sie es sind, die vorwiegend von der Netzhautdegeneration betroffen sind. Es sind diese Zellen, die wir mit der Gentherapie tatsächlich auch erreichen wollen.

Gibt es auch Fortschritte in der Diagnostik? 
Es gibt verschiedene Fortschritte. Ein Fortschritt in der Diagnostik ist die IPS-Technologie, IPS steht für induzierte pluripotente Stammzellen. Mit Hilfe dieser Zellen können wir ¬– ausgehend von einer kleinen Hautbiopsie des Patienten – die für die Therapieentwicklung notwendige Erkrankung simulieren, indem wir das menschliche Gewebe in der Petrischale wachsen lassen und untersuchen, wie die Zellen verschaltet sind oder wie die Zellen zugrunde gehen. Diese Beobachtungen können wir dann diagnostisch verwenden.

Ein anderer Fortschritt wurde dank dem OCT-Untersuchungsverfahren erzielt, der Optischen Kohärenztomographie. Es handelt sich um einen neuartigen Algorithmus, der es erlaubt, durch eine fortschrittliche Verrechnung der Signale, die wir in der Netzhautbildgebung messen, beispielsweise Tumore besser, in bisher nicht gekannter Auflösung, bildlich darzustellen.

Was erhoffen Sie sich vom neuen Augeninstitut IOB? Wie können die Patienten von diesem neuen Institut profitieren?
Das IOB soll durch herausragende translationale Forschung zur Speerspitze derjenigen Institute gehören, die neue Therapien für Augenerkrankungen entwickeln. Diese neuen Therapien sollen letztlich allen Patienten auf der Welt zugutekommen. Wir werden bestimmte Therapieformen testen können und damit Zugang zu neuartigen Therapieformen schaffen. Dies geschieht im Rahmen von klinischen Studien, die einmalig in der Welt sind und in späteren Entwicklungsstadien auch in anderen Instituten und Kliniken verfügbar werden. Das bedeutet, dass wir in Basel Anlaufstelle für spezielle Erkrankungen und spezielle Stadien von Erkrankungen werden. Wir planen, unseren Patienten die Teilnahme an klinischen Studien anzubieten, die exklusiv in Basel durchgeführt werden. Wir werden unsere Patienten entsprechend beraten und auch für diejenigen, für die bisher keine Therapie existiert, den Weg aufzeigen, wo die klinische Entwicklung der Zukunft hingehen wird.

Was ist der konkrete Nutzen aus dem Zusammenspiel mit Novartis, Universitätsspital und der Universität Basel? Was ist einzigartig an diesem Institut?
Die Unterstützung durch das Universitätsspital, die Universität Basel und Novartis für das Institut ist beispielhaft. Das IOB wird vom Universitätsspital die klinischen Ressourcen für die klinische Entwicklung nutzen können und von der Universität Basel das intellektuelle Potenzial und die Kooperationen am Wissensstandort Basel. Die Novartis bietet die technischen Möglichkeiten, insbesondere wenn es dann in die Entwicklung von Therapien geht. Einzigartig ist die Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschern und klinischen Forschern auf Augenhöhe. Und dass wir einen echt translationalen Ansatz verfolgen, bei dem sowohl Kliniker als auch Forscher an einem Ziel arbeiten: an der Entwicklung neuer Therapien für Erkrankungen, die zur Erblindung führen.

Die Ziele sind hochgesteckt und die Erwartungen entsprechend hoch. Wie geht es mit diesen Forschungsthemen am neuen Forschungsinstitut weiter?
Es gibt gute Gründe optimistisch und ehrgeizig zu sein, wenn es um die Entwicklung neuer Therapien für Augenerkrankungen geht. Ein grosser Vorteil in der Ophthalmologie ist, dass wir mit optischen Methoden arbeiten können. Wir erreichen dadurch Auflösungen der Bildgebung in der Netzhaut im Auge, die um etwa Faktor 100 besser sind, als die besten Magnetresonanztomographen. Wir können somit die Zielgewebe und auch die Effizienz neuer Therapien wirklich auf Zellebene beobachten und dies in einer sehr kurzen Zeit.

Der zweite Grund optimistisch zu sein ist, dass wir neuartige Gentherapievektoren zur Verfügung haben, mit denen wir sehr sicher und auch sehr präzise bei genetischen Erkrankungen im Auge intervenieren können. Zum dritten erlaubt uns die Stammzelltechnologie die Entwicklung und dann auch die Testung neuartiger Therapien quasi im lebenden Organismus, aber eben nicht am Patienten, sondern am Gewebe, das von ihm stammt. Und, last but not least, haben wir in der Augenheilkunde, wo es um ein kleines Organ geht, sehr feine Methoden, mit denen wir die Therapieformen durch chirurgische Verfahren an den Ort des Geschehens bringen können.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Druck um und wie können Sie sich von den vielen Aufgaben entspannen?
Die Gründung und jetzt der Aufbau von IOB zusammen mit Professor Botond Roska ist wirklich eine «once in a lifetime»-Chance. Ich sehe mich deshalb gar keinem besonderen Druck ausgesetzt, sondern freue mich auf die Zusammenarbeit mit Botond Roska, die schon im Verlauf des letzten Jahres ganz hervorragend gewesen ist. Letztlich gehören unsere gemeinsamen Treffen und insbesondere die Erörterung von Forschungsthemen zum vitalisierendsten, was ich überhaupt in meiner Laufbahn je erlebt habe und das setzt dauerhaft die entsprechende Energie frei, die wir für den Aufbau unseres Instituts benötigen.

http://bit.ly/2kRjurx #iph
Prof. Hendrik Scholl
Prof. Hendrik Scholl - Institute of Molecular and Clinical Ophthalmology Basel (IOB)
 

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