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4. Juni 2018

Antikes Virus hilft heutiger Medizin

Ein internationales Forscherteam hat ein rund 4'500 Jahre altes Hepatitis B-Virus dingfest gemacht. Der spektakuläre Fund hilft unter anderem bei den Anstrengungen, die Schutzwirkung heute gängiger Impfungen auch für die Zukunft sicherzustellen.

2'500 Jahre vor Christus – das war die Zeit, als in Ägypten die ersten Pharaonen das Zepter übernommen haben und in Südengland mit dem Bau des Steinkreises von Stonehenge begonnen wurde. Aus dieser fernen Zeit stammen auch die Viren, die ein Team aus dänischen, britischen und deutschen Forschern in menschlichen Skeletten aus Europa und Asien gefunden hat. Wie das gelungen ist, schildert Prof. Dr. Dieter Glebe vom Institut für Medizinische Virologie der Universität Giessen: „Wie alles organische Material zersetzen sich auch Viren über Jahrtausende in ihre Bestandteile. Das Viruspartikel ist jedoch relativ stabil und schützt die in ihr eingeschlossene Erbinformation, die DNA. Die virale DNA ist nach über 4'500 Jahren stark fragmentiert, doch die Bruchstücke können durch neue Techniken ausgelesen und im Computer wieder zusammengesetzt werden. Auf diese Weise kann die Erbinformation der Viren rekonstruiert werden, auch wenn die Viruspartikel selber längst schon zerfallen und nicht mehr infektiös sind.“

Ausgestorbene Stämme nachgewiesen

In der Vergangenheit wurden schon andere sehr alte Viren gefunden. So haben Wissenschaftler vor vier Jahren Viren entdeckt, die 30'000 Jahr im sibirischen Permafrost überdauert hatten und dabei sogar ihre Ansteckungskraft bewahrten. Der neuste Fund stellt aber insofern eine Besonderheit dar, als es sich bei den Krankheitserregern um ein menschliches Virus handelt, das für die Entstehung der Lebererkrankung Hepatitis B verantwortlich ist. Mit der Auswertung der Viren konnten die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über Entstehung und Entwicklung des Hepatitis-B-Virus gewinnen und einige bereits ausgestorbene Stämme nachweisen. Über ihre Erkenntnisse berichteten sie jüngst in der Fachzeitschrift „Nature“.

Nutzen für Patienten

Die Viren sind nicht nur von historischem Interesse. Sie liefern auch Erkenntnisse, die für heutige Patientinnen und Patienten von Nutzen sein dürften, wie Prof. Glebe ausführt: „Viren können sich sehr schnell an verändernde Umweltbedingungen – also ihren Wirtsorganismus – anpassen, doch auch nur innerhalb gewisser Grenzen, die von ihrer Erbinformation gesetzt sind. Indem man die Veränderungen der Erbinformation über viele Jahrtausende studiert, bekommt man eine Vorstellung davon, wieviel Flexibilität die Viren in Bezug auf die Anpassung an ihren Wirt (z.B. den Menschen) letztlich besitzen.“ Dank dieser Information sind Wissenschaftler in der Lage, unter anderem Prognosen für die künftige Entwicklung zu erstellen – und dabei auch abzuschätzen, ob frühere Formen des Virus unverändert oder verändert eventuell neu auftauchen. „Diese viralen Veränderungen können fatale Konsequenzen für unseren medizinischen Schutz und Behandlungsmöglichkeiten gegenüber dieser Virusgruppe haben“, sagt Glebe, „das betrifft insbesondere die Schutzwirkung der momentan verwendeten Impfungen gegen Hepatitis-B, die diagnostischen Tests zum sicheren Nachweis einer Infektion und die antiviralen Therapien der chronischen Hepatitis B.“

http://bit.ly/2JnU67p #iph
3-D-Film Just a virus
Während acht Minuten taucht der Betrachter in die Welt der Viren ein und erhält auf anschauliche Weise Einblick in Forschung und Wissenschaft. Die neuesten Forschungsergebnisse werden in eine Alltagsgeschichte integriert und so lebensnah vermittelt.
 

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