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5. Juni 2018

Urin ist ein ganz besonderer Saft

Viele Diagnoseverfahren stellen heute auf das menschliche Blut ab. Ein Forscherteam arbeitet nun an einer Alternative: Die in Urin enthaltene Erbsubstanz soll für die Diagnose von Krebserkrankungen und für Forschungszwecke genutzt werden.

Vielen Menschen ist wohl kaum bewusst: Der Urin, den der Mensch ausscheidet, enthält Erbinformationen, die viel über den Zustand des Körpers verraten. Diese Informationen will eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Kiel, des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und der Litauischen Universität für Gesundheitswissenschaften in Kaunas nutzen. Sie haben gezeigt, dass 60 Milliliter Urin gleich viel Erbsubstanz enthalten wie eine Blutprobe von zehn Millilitern. Das genetische Material im Urin besteht aus sogenannt zellfreier DNA. Hierbei handelt es sich um DNA-Bruchstücke, die entstehen, wenn gesunde Körper- oder aber krankhafte Tumorzellen absterben. Die Bruchstücke, die die gesamte Erbinformation repräsentieren, gelangen über das Blut in den Urin.

Auskünfte von zellfreier DNA

Wenn die zellfreie DNA von Tumorzellen stammt, kann die darin enthaltene Information für die Diagnose der entsprechenden Krebserkrankung genutzt werden, hoffen die Kieler Forscherinnen und Forscher. Dasselbe gelingt heute schon mit zellfreier DNA, die aus Blutproben entnommen wurde, so beispielsweise zur Diagnose von bestimmten Lungen- oder Darmkrebsarten. Ob die im Urin enthaltenen genetischen Informationen gleich gut oder sogar besser sind als jene im Blut, muss noch weiter untersucht werden, betont Michael Forster, Wissenschaftler am Institut für Klinische Molekularbiologie der Universität Kiel. „Für einige Krebsarten (z.B. Blasenkrebs) ist Urin vermutlich besser als Blut. Die Beantwortung dieser Frage bietet noch Stoff für einige Doktorarbeiten, zumal die Frage streng genommen für jede Krebsart getrennt untersucht werden muss“, so Forster.

Erste Tests schon verfügbar

Die bisherigen Erkenntnisse stellten die Wissenschaftler neulich in der Fachzeitschrift 'BioTechniques' vor. Nach Auskunft der Forscher wären Urin-Tests schneller und weniger aufwändig durchführbar als Bluttests, da kein medizinisches Personal für die Blutentnahme erforderlich ist. Ob sich Urin-Tests in der Krebsdiagnostik durchsetzen, wird man auch am Erfolg der ersten Testverfahren ablesen können, die bereits auf dem Markt sind und über die Michael Forster berichtet: „Trovagene (USA) bietet einen Urin-Test für fortgeschrittene solide Tumore an, basierend auf zellfreier DNA. Eine internationale Forschergruppe um den US-amerikanischen Krebsforscher Bert Vogelstein präsentierte im März den UroSEEK Urintest für Blasen- und Ureterkarzinom, basierend auf Epithelzellen im Urin. Meines Erachtens müssen in beiden Fällen viele weitere, unabhängige (replizierende) Untersuchungen stattfinden. Anschliessend müssen Fachleute den klinischen Nutzen und die Kosten für jede Krebsart bewerten.“

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Das Kieler Forschungsteam möchte zur Krebsdiagnose künftig Urin statt Blut verwenden.
Das Kieler Forschungsteam möchte zur Krebsdiagnose künftig Urin statt Blut verwenden.
 

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