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24. Juli 2018

Nervenzellen überwinden Trauma

Gehirnzellen speichern Wörter, Melodien und unzählige weitere Informationen, mitunter auch traumatische Erinnerungen. Wie betroffene Personen solche Erinnerungen überwinden können, dazu haben Forscher der ETH Lausanne nun neue Erkenntnisse gewonnen.

Ein Gewaltereignis, eine Geiselnahme oder eine Kriegserfahrung sind nur drei Beispiele von Erlebnissen, die sich im Gehirn als eine lang anhaltende traumatische Erinnerung niederschlagen können. Ein Forscherteam um Prof. Johannes Gräff (ETH Lausanne/EPFL) hat nun traumatische Erinnerungen auf der Ebene von Gehirnzellen untersucht und dabei Erkenntnisse gefunden, die mittelfristig möglicherweise neue Behandlungsansätze eröffnen. Die Wissenschaftler konnten in ihrer Studie zeigen, dass das sogenannte Rewriting von Gedächtnisinhalten bei der Überwindung traumatischer Erinnerungen eine wichtige Rolle spielt. Gemeint ist damit, dass die in Gehirnzellen gespeicherten traumatischen Erlebnisse durch eine neue, positive Erfahrung von Sicherheit oder zumindest einen neutralen Inhalt 'überschrieben' werden, wie das Forscherteam im Fachjournal 'Science' berichtet.

Mäuse mit Angsterfahrung

Die Wissenschaflter der EPFL untersuchten die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse im Tierversuch an Mäusen. Prof. Gräff schildert, wie den Forschern diese anspruchsvolle Aufgabe gelang: „Wir benutzen dafür die Angst-Konditionierung, eine Form der klassischen Pawlow-Konditionierung. Dabei bringen wir die Mäuse in eine ihnen unbekannte Box und versetzen ihnen einen leichten Elektroschock, der sie veranlasst, die Box mit einem Angsterlebnis in Verbindung zu bringen. Nach einem Monat bringen wir die Mäuse erneut in die Box und beobachten – ohne Elektroschock – ihre Angstreaktion. Genau genommen messen wir dabei die Zeit, während der sie unbeweglich sind und damit im Angstzustand verharren. Anschliessend unterziehen wir die Mäuse einer Expositionstherapie, wie man sie bei Menschen anwendet: die Tiere werden dabei der ursprünglich angsteinflössenden Umgebung mehrmals ausgesetzt und auf diesem Weg von ihrem Trauma befreit.“

Suche nach Zielmolekülen

Traumatische Erinnerungen sind schon für sich genommen belastend. Zudem können daraus schwerwiegende Krankheiten wie eine Posttraumatischen Belastungsstörung hervorgehen. Die jüngsten Erkenntnisse der Lausanner Forscher können nicht direkt in neue Therapien übersetzt werden, aber sie bilden die Grundlage für weitere Forschungsanstrengungen, die mittelfristig zu therapeutischen Interventionen auf der Ebene der Nervenzellen führen könnten, wie Prof. Gräff ausführt: „Wir wollen in Zukunft die molekularen Mechanismen der Zellen untersuchen, die im Gehirn für die Speicherung, aber zugleich auch für die Überwindung traumatischer Ereignisse zuständig sind. Wir hoffen auf diesem Weg Zielgene bzw. Moleküle zu finden, die wir mit pharmakologischen Wirkstoffen beeinflussen und so die Behandlung von Patientinnen und Patienten, die an traumatischen Erinnerungen leiden, verbessern können.“

Wissenschaftler der ETH Lausanne beobachten #Nervenzellen bei der Verarbeitung eines traumatischen Ereignisses. #Trauma http://bit.ly/2McmGKv #iph
Trauma_Zelle Maus
Schnittbild einer Zelle aus dem Gyrus Dentatus im Hippocampus einer Maus. Die Zelle ist aktiv, wenn die Maus ein Angstereignis, das vor einem Monat geschah, in Erinnerung ruft.
 

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