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7. August 2018

Spuren im Erbgut

Chemikalien, die dem Körper von aussen zugeführt werden und wie Hormone wirken, können das Erbgut auch in der nächsten Generation beeinflussen. Die Erkenntnisse eines schweizerisch-deutschen Forscherteams an Schweinen dürften auch für Menschen gelten

Chemikalien wie Bisphenol A oder Phtalate werden eingesetzt, um Kunststoffe weich zu machen. Diesem Nutzen steht möglicherweise eine sehr problematische Kehrseite gegenüber: Diese hormonaktiven Stoffe, die im Körper also wie Hormone wirken, stehen im Verdacht, bei Männern und Frauen Unfruchtbarkeit hervorzurufen. Ein Team aus Forscherinnen und Forschern der ETH Zürich und der Technischen Universität München haben nun bei Versuchen mit Schweinen gezeigt, dass hormonaktive Stoffe das Erbgut menschlicher Zellen verändern – und dies nicht nur in der aktuellen, sondern auch bei der nachfolgenden Generation. Über ihre Erkenntnisse berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift 'Scientific Reports'.

Versuche mit verschiedenen Dosierungen

Die Forscher verabreichten den Tieren über das tägliche Futter die Modellsubstanz 17-beta-Östradiol in verschiedenen, teilweise auch sehr geringen Dosierungen. Sie konnten dabei zeigen, dass die Substanz zu epigenetischen Veränderungen in den Zellen der Tiere, aber auch den Zellen von deren Nachkommen führt. Susanne Ulbrich, Professorin für Tierphysiologie an der ETH Zürich, zeigt mit einem anschaulichen Vergleich, was man unter 'epigenetischen Veränderungen' zu verstehen hat: „Epigenetische Veränderungen betreffen das Potenzial einer Zelle zur Genexpression, sie bestimmen also, in welchem Mass die Zelle aus bestimmten Genen lebenswichtige Eiweisse herstellt. Verglichen mit einem Auto entspricht die Genexpression der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit. Epigenetische Veränderungen wären dann Faktoren, die die Geschwindigkeit nach oben oder nach unten limitieren, also – um im Bild zu bleiben – eine Drosselung des Motors zum Beispiel, oder ein Defekt der Bremsen.“ Prof. Ulbrich und ihre Forscherkollegen konnten nachweisen, dass die epigenetischen Veränderungen, die durch hormonaktive Substanzen hervorgerufen werden, in Schweinen und deren Jungen nachweisbar sind, also in der nächsten Generation auftreten, lange nach dem Kontakt der Mutter.

Grenzwerte überprüfen

Das Wissenschaftlerteam geht davon aus, dass die Auswirkungen hormonaktiver Substanzen in vergleichbarer Weise beim Menschen zu beobachten sein könnte. Da die Veränderungen im Erbgut der Tiere auch schon bei tiefen Dosierungen zu beobachten waren, regen die Wissenschaftler eine Überprüfung der geltenden Grenzwerte für hormonaktive Stoffe an. Susanne Ulbrich sieht hier einen weiteren Forschungsbedarf: „Weil das Verhalten der verschiedenen hormonaktiven Stoffe im Körper ähnlich, aber nicht gleich ist, ist es heute noch schwierig, konkrete Substanzen zu benennen, von denen ein besonders hohes Gefahrenpotenzial ausgeht. Die Forschung ist aufgerufen, die epigenetische Wirkung der einzelnen Substanzen und ihre Bedeutung im Alltag genauer zu beschreiben.“

Hormonaktive Substanzen verändern das #Erbgut auch in der nächsten Generation, zeigt ein schweizerisch-deutsches Forscherteam. http://bit.ly/2M00xTC #iph
hormonaktive Substanzen_Schweine
Schweine reagieren empfindlich auf erhöhte Dosen von hormonaktiven Substanzen.
 

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