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28. August 2018

Flüssigkeits-haushalt aus dem Lot

Wenn Menschen viel Flüssigkeit zu sich nehmen, kann dies einfach eine Gewohnheit sein – oder der Hinweis auf eine Erkrankung. Ein Forscherteam unter Basler Leitung hat nun ein Diagnoseverfahren entwickelt, das Patienten ab sofort zur Verfügung steht.

Die einen Menschen nehmen sehr viel Flüssigkeit zu sich, während sich bei anderen das Durstgefühl in Grenzen hält. Von Person zu Person gibt es erhebliche Unterschiede, wie Prof. Dr. Mirjam Christ-Crain von Universität und Universitätsspital Basel sagt: „Die Flüssigkeitsaufnahme bei gesunden Menschen beträgt in etwa ein bis zwei Liter. Ab über drei Litern täglich spricht man von einer sogenannten Polydipsie, also einem krankhaft erhöhten Durstgefühl, wobei die Drei-Liter-Grenze eine eher willkürliche Definition ist.“ Eine Polydipsie geht mit einer krankhaft erhöhten Urinausscheidung (Polyurie) einher. Mediziner sprechen in diesem Fall von einem Polyurie-Polydipsie-Syndrom.

Zwei mögliche Krankheiten

Hinter einem Polyurie-Polydipsie-Syndrom können zwei sehr unterschiedliche Krankheiten stecken: Im harmloseren Fall ('Primäre Polydipsie') ist es eine Gewohnheit oder eine psychische Störung, die mit einer Verhaltenstherapie behandelt werden kann. Im zweiten, schwerwiegenderen Fall ist die übermässige Flüssigkeitsaufnahme die Folge einer Hormonstörung. Hier fehlt den Patientinnen und Patienten das Hormon Vasopressin, das im Körper den Wasser- und Salzgehalt reguliert und das den Patienten im Zuge der Behandlung dann von aussen zugeführt werden muss. Ein Team aus Forscherinnen und Forschern unter der Leitung von Mirjam Christ-Crain hat nun ein diagnostisches Verfahren entwickelt, mit dem sich die beiden Krankheiten schnell und zuverlässig voneinander abgrenzen lassen. Über ihre Erkenntnisse berichten die Wissenschaftler verschiedener Schweizer Universitäten sowie aus Deutschland und Brasilien im «New England Journal of Medicine».

Studie mit 150 Personen

Bei der neuen Diagnosemethode erhalten die Patienten während zwei Stunden eine hypertone Salzlösung (NaCL), anschliesssend kann im Blut über den Biomarker Copeptin der Vasopressin-Spiegel eruiert werden. Dieses Verfahren führt zu einer treffsicheren Unterscheidung zwischen den beiden möglichen Ursachen der Polydipsie, wie das Wissenschaftlerteam nun in einer Studie mit rund 150 Patienten an elf Kliniken zeigen konnte. Das neue Diagnoseinstrument ist auch deshalb von Bedeutung, weil Diabetes insipidus zwar relativ selten ist (drei auf 100'000 Personen), die primäre Polydipsie aber ziemlich oft vorkommt. Das neue Verfahren kann nun sofort an Spitälern verwendet werden, wie Mirjam Christ-Crain sagt: „Eine Infusion von 3% NaCL ist nichts Neues und wird in der Routine bereits oft eingesetzt, zum Beispiel um eine schwere Hyponatriämie (Natriumarmut) auf der Intensivstation zu korrigieren.“

Ein Basler Forscherteam hat mit in- und ausländischen Kollegen einen Test entwickelt, mitdem sich die Ursache übermässigen Trinkens bestimmen lässt. #Hormonstörung http://bit.ly/2P8Bn27 #iph
Prof. Dr. Mirjam Christ-Crain, Leiterin des Departements Klinische Forschung der Universität Basel und des Universitätsspitals Basel
Prof. Dr. Mirjam Christ-Crain, Leiterin des Departements Klinische Forschung der Universität Basel und des Universitätsspitals Basel

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