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22. Oktober 2018

Als die Spanische Grippe wütete

Das sind die zwei Gesichter der Grippe: Einmal eine harmlose Erkrankung, die nach einigen Tagen Bettruhe ausgestanden ist, einmal eine Pandemie mit unzähligen Toten. Eine der verheerendsten Grippe-Katastophen jährt sich 2018 zum hundertsten Mal.

Es geschah im Jahr 1918: Der Krieg, den wir heute den Ersten Weltkrieg nennen, hatte fast vier Jahre getobt und insgesamt 17 Millionen Opfer gefordert, da bahnte sich eine zweite Katastrophe an, die forderte – so eine der heute verfügbaren Schätzungen – weiter 50 Millionen Menschenleben: die Spanische Grippe. Ausgerechnet die amerikanischen Soldaten, die der Entente gegen die Mittelmächte um das Deutsche Reich zu Hilfe eilten, stehen im Ruf, die Grippeviren vom Typ H1N1 aus den USA nach Europa eingeschleppt zu haben. In drei Wellen kam die Pandemie dann über die kriegsgebeutelten Menschen: Zuerst im Frühjahr 1918 in einer relativ harmlosen Form, um in der zweiten und dritten Welle im Herbst 1918 und im Frühjahr 1920 dann millionenfach den Tod über Europa und die Welt zu bringen. Denn nicht nur in europäischen Staaten forderte die Grippe ihren Tribut, sondern weltweit. Bekannte Schwerpunkte waren beispielsweise Südafrika oder der indische Subkontinent.

Sie trifft vor allem die 'Kräftigen'

„Eine Besonderheit der Spanischen Grippe lag darin, dass sie Opfer nicht hauptsächlich nur unter Kindern und älteren Menschen forderte, wie man das von anderen Grippe-Epidemien kennt, sondern vor allem auch die 'Kräftigen' traf, wie man damals sagte, also Menschen zwischen 20 und 40 Jahren“, sagt Wilfried Witte, ein promovierter Anästhesiologe und Historiker, der an der Berliner Universitätsklinik Charité arbeitet und seine Doktorarbeit über die Spanische Grippe schrieb. Die Ärzte boten gegen die Krankheit die damals bekannten Fiebermittel auf. Eine zentrale Rolle spielte das Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Aspirin. Der Nutzen blieb allerdings begrenzt. Grippeimpfungen waren damals noch unbekannt, denn das Grippevirus sollte erst 1933 von britischen Wissenschaftlern entdeckt werden. Folglich gab es noch keine Neuraminidase-Hemmer und andere antivirale Therapien, mit denen heute der Verlauf der Krankheit verkürzt und deren Schwere vermindert werden kann.

Ein falscher Name

Das sehr wandlungsfähige Grippevirus führt heute in der Öffentlichkeit immer wieder zu heftigen und von Angst geprägten Debatten. Vor Hundert Jahren war die Wahrnehmung oft eine andere: Obwohl die Grippe damals Millionen von Menschenleben forderte, wurde über die Krankheit nur relativ wenig berichtet, sie teilweise sogar bewusst verschwiegen. Das zeigt sich allein schon am Namen: 'Spanische Grippe' wurde die Krankheit genannt, weil im neutralen Spanien weniger Zensur herrschte als in den kriegführenden Staaten und somit offener über Krankheitsherde berichtet werden konnte. Das führte zu der irrtümlichen Meinung, die Krankheit sei in Spanien entstanden.

Ihren heutigen Platz im historischen Bewusstsein der Menschheit bekam die Spanische Grippe erst in den letzten 25 Jahren, sagt Wilfried Witte: „Erst in den 1990er Jahren erlaubten viro-archäologische Untersuchungen von historischem Gewebe den Nachweis des Influenzavirus, das seinerzeit die Spanische Grippe hervorrief. Mit dem neu gewonnenen Wissen wurde der Öffentlichkeit vermittelt, die Grippe als eine hochgefährliche Krankheit wahrzunehmen, die immer wieder in neuem Gewande auftaucht. So entstand auch eine sehr prägnante Erinnerung an die Spanische Grippe, die es vorher so nicht gegeben hat. Die Erinnerung an die Katastrophe von damals, wie wir sie heute wahrnehmen, ist quasi erst jetzt erfunden worden.“

Hundert Jahre ist es her, seit die Spanische Grippe millionenfach den Tod brachte. http://bit.ly/2EByJ4p #iph
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