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8. November 2018

Hirngewebe für weniger Tierversuche

Vielversprechende medizinische Wirkstoffe gegen neurologische Krankheiten müssen an Hirngewebe getestet werden. Ein neues Verfahren zur Erhaltung von menschlichem Gewebe wird künftig erlauben, die zu Testzwecken benötigten Tierversuche zu reduzieren.

Der Tübinger Forscher Dr. Niklas Schwarz durfte jüngst den Förderpreis „Ersatz und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg entgegennehmen. Ein von Schwarz mitentwickeltes Verfahren macht es möglich, menschliches Hirngewebe über mehrere Wochen in einer Petrischale zu erhalten, so dass es zum Beispiel für die Testung medizinischer Wirkstoffe verwendet werden kann. Dadurch lassen sich Tierversuche vermeiden, wie Studienleiter Dr. Henner Koch ausführt: „Mit dem neuen Verfahren werden sich einige Versuche vermeiden lassen, und da es auf menschlichem Gewebe beruht, werden sich Ergebnisse besser auf das menschliche Gehirn übertragen lassen.“ Das Verfahren hat aber auch seine Grenzen, wie Koch betont. Für Studien, die beispielsweise die Funktion des ganzen Organismus oder das Verhalten betreffen, seien weiterhin Tierversuche notwendig.

Hirnwasser als Nährlösung

Das Verfahren, für das Niklas Schwarz jetzt ausgezeichnet wurde, wird bereits in verschiedenen Laboren eingesetzt, nachdem es vor einem Jahr in der Fachöffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Kultivierung von Zellen in einer Petrischale ausserhalb des Körpers ist an sich ein seit langem praktiziertes Verfahren. Allerdings ist dies mit menschlichen Gehirnzellen in Standardnährlösungen bisher nur sehr schlecht gelungen, weil das Gewebe schnell abstirbt. Als Folge davon wurden für die entsprechenden Tests bisher häufig Versuchstiere herangezogen. Schwarz und seine Forscherkollegen haben nun als Nährlösung Hirnwasser von Patientinnen und Patienten eingesetzt. In dieser natürlichen Umgebung sind die Hirnzellen auch nach drei Wochen noch anatomisch gut erhalten und funktionsfähig. „Wir konnten zeigen, dass die Zellen als Netzwerk weiterhin Aktivität bis zu vier Wochen in vitro erzeugen können“, sagt Koch. „In einer neuen, ausführlichen Studie untersuchen wir aktuell Zellen auf viele weitere Parameter. Wir wollen verstehen, welche Veränderungen in den Zellen auftreten und in welchem Umfang. Die Ergebnisse werden wir sehr bald auch publizieren können.“

Zellen von Operationen

Für die Kulturen mit menschlichen Hirnzellen verwenden die Forscher des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung und der Universität Tübingen Gewebe, das Patientinnen und Patienten im Zuge einer Hirnoperation entfernt wurde, beispielsweise um einen Tumor zu beseitigen. Lässt sich dieses Verfahren möglicherweise auch auf andere Typen von Körperzellen übertragen? Dazu die Einschätzung von Dr. Koch: „Ob sich ähnliche Verfahren für andere Gewebe einsetzen lassen, ist nicht untersucht. Da wir aber Hirngewebe in Hirnnervenwasser kultivieren, ist eher nicht zu erwarten, das sich dieses Verfahren auf andere Körperzellen übertragen lässt.“

Ausserhalb des Körpers kultivierte menschliche #Hirnzellen helfen, #Tierversuche bei der Testung neuer Medikamente zu reduzieren. http://bit.ly/2DtFWCn #iph
Dr. Niklas Schwarz mit dem Modell eines menschlichen Gehirns.
Dr. Niklas Schwarz mit dem Modell eines menschlichen Gehirns.
 

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