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1. November 2018

Wir müssen umfassend informieren

Nebenwirkungen sind in Beipackzetteln von Medikamenten nicht immer verständlich beschreiben, sagt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (Berlin) und der Universität Hamburg. Interview mit Erstautorin Viktoria Mühlbauer.

Frau Mühlbauer, Sie haben im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität Hamburg die Beipackzettel von Medikamenten untersucht. Sie schreiben, die Angaben zu den Nebenwirkungen würden oft zu Fehlinterpretationen führen. Inwiefern?
Viktoria Mühlbauer: Beipackzettel nennen zu allen möglichen Nebenwirkungen eine Häufigkeit, mit der sie auftreten. Um es an einem Beispiel anschaulich zu machen: Im Beipackzettel eines Betablockers zur Behandlung von Bluthochdruck steht dann zum Beispiel, das Medikament führe bei 16% der Patientinnen und Patienten zu erhöhtem Blutzucker. Solche Angaben werden leider oft falsch interpretiert. Die Leser der Beipackzettel glauben dann, 16% der Patientinnen und Patienten, die den Betablocker einnehmen, müssten verursacht durch das Medikament mit erhöhtem Blutzucker rechnen. Sie übersehen dabei, dass viele Personen – nämlich rund 13% – erhöhten Blutzucker haben, obwohl sie keinen Betablocker einnehmen. Anders ausgedrückt: Zwar haben 16% der Personen, die den Betablocker einnehmen, erhöhten Blutzucker. Aber nur bei 3% der Personen ist der erhöhte Blutzucker durch die Einnahme des Medikaments verursacht.

Wie könnte man solche Fehlinterpretationen vermeiden?
Im Beipackzettel müsste nicht nur stehen, wie oft bestimmte Beschwerden mit Einnahme des Medikaments auftreten, sondern auch, wie oft sie ohne Einnahme des Medikaments auftreten. Im genannten Beispiel müsste also stehen, dass 16% der Personen, die den Betablocker einnehmen, an erhöhtem Blurtzucker leiden, und dass 13% der Personen, die keinen Betablocker einnehmen, ebenfalls an erhöhtem Blutzucker leiden. Ein ergänzender Satz müsste dann noch sicherstellen, dass Patientinnen und Patienten die beiden Zahlenangaben richtig in Bezug setzen. So wäre klar verständlich, in wie vielen Fällen der erhöhte Blutzucker tatsächlich auf die Einnahme des Medikaments zurückzuführen ist – im vorliegenden Beispiel also bei 3% der Personen, die das Medikament nehmen.

Die Nebenwirkungen werden von Patientinnen und Patienten mit den heute üblichen Beipackzetteln also tendenziell überschätzt?
Korrekt. Allerdings möchte ich nicht den Eindruck erwecken, Nebenwirkungen verharmlosen zu wollen. Es ist ungeheuer wichtig, umfassend über Nebenwirkungen zu informieren. Das Ziel dieser Angaben muss sein, dass jede Patientin und jeder Patienten für sich eine gute Entscheidung für oder gegen die Einnahme eines Arzneimittels treffen kann. Dazu muss die Person verstehen, wie stark die Einnahme des Arzneimittels die Wahrscheinlichkeit bestimmter Nebenwirkungen erhöht.

Eine Schwierigkeit besteht darin, dass nicht für alle Medikamente die nötigen Daten vorliegen, damit man Patientinnen und Patienten umfassend über die Häufigkeit von Beschwerden mit und ohne Einnahme des Medikaments informieren könnte. Dieses Problem besteht insbesondere bei Nebenwirkungen, die nur selten auftreten.

Ihre im Fachjournal PLOS ONE veröffentlichte Studie basiert auf einer Onlinestudie mit 397 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ohne medizinischen Hintergrund. Wen haben Sie in der Studie befragt?
Die Studienteilnehmer repräsentieren ein breites Bevölkerungsspektrum, wobei jüngere und besser gebildete Personen etwas übervertreten waren.

Sie sind selbst ausgebildete Apothekerin. Trifft es zu, dass selbst Apothekerinnen und Apotheker, aber auch Ärztinnen und Ärzte Beipackzettel mitunter nicht richtig verstehen?
Das trifft durchaus zu, und zwar für alle Angehörigen der Gesundheitsberufe. Das wissen wir aus einer früheren Umfrage. Rund 80% der Befragten haben die Angaben in den Beipackzetteln irrtümlicherweise so verstanden, die Nebenwirkungen seien in der genannten Häufigkeit ursächlich auf die Medikamente zurückzuführen. 

Haben Sie weitere Vorschläge, wie sich Beipackzettel formulieren und gestalten liessen, dass sie für Patientinnen und Patienten noch hilfreicher wären?
Wir haben uns in der Studie auf die Nebenwirkungen fokussiert. Wichtig scheint mir, dass die pharmazeutischen Unternehmen zum Beispiel über Fokusgruppen-Interviews und Verständnistests sicherstellen, dass die Informationen in den Beipackzetteln richtig verstanden werden. Das versetzt Patientinnen und Patienten in die Lage, verantwortlich über die Einnahme von Medikamenten zu entscheiden.

Über die Nebenwirkungen vor Medikamenten herrschen in der Öffentlichkeit bisweilen falsche Vorstellungen. So ist die Annahme weit verbreitet, Statine würden zu Muskelschmerzen führen. Grosse wissenschaftliche Studien belegen allerdings, dass Muskelschmerzen bei einer Statin-Therapie nicht signifikant häufiger auftreten als bei Abgabe eines Placebo-Präparats. Unser Ziel muss es sein, Patientinnen und Patienten hinsichtlich der Nebenwirkungen eines Medikaments klar zu informieren und immer auf dem neusten Stand zu halten. Dazu braucht es jedoch verlässliche wissenschaftliche Aussagen aus guten klinischen Studien.

Die Angaben zu #Nebenwirkungen in Beipackzetteln werden oft missverstanden, sagt eine neue Studie aus Berlin und Hamburg. http://bit.ly/2DfPuAT #iph
Die Apothekerin Viktoria Mühlbauer hat in ihrer Dissertation die Verständlichkeit von Beipackzetteln erforscht.
Die Apothekerin Viktoria Mühlbauer hat in ihrer Dissertation die Verständlichkeit von Beipackzetteln erforscht.
 

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