Themen

1. Februar 2019

Was den Darm aus dem Gleichgewicht bringt

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen haben in der Schweiz in den letzten Jahren stark zugenommen. Ein Berner Forscherteam fand bei den betroffenen Patienten nun charakteristische Veränderungen der Darmflora. Das könnte neue Therapien ermöglichen.

Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und weitere Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts werden unter den chronisch entzündlichen Darmkrankheiten (engl. Inflammatory Bowel Diseases/IBD) zusammengefasst. Diese Krankheiten haben gemein, dass die Darmflora und damit das Zusammenspiel der zahllosen Darmbakterien bei Patientinnen und Patienten aus dem Lot geraten ist. Ein Forscherteam von Universität Bern und Berner Inselspital hat nun entdeckt, dass Veränderungen in einer Gruppe von Darmbakterien bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eine wichtige Rolle spielen, wie sie jüngst im Fachjournal 'Nature Medicine' berichten. Ebendiese Veränderungen können sogar zu einem Rückfall beitragen, nachdem Teile des entzündlichen Darmtrakts operativ entfernt wurden.

Daten von über 700 Personen

In die Studie unter der Leitung von Andrew Macpherson, Bahtiyar Yilmaz und Pascal Juillerat wurden über 700 Personen einbezogen, rund zwei Drittel davon Patientinnen und Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Das dritte Drittel bestand aus gesunden Personen. Die ausgewerteten klinischen Daten etwa zu Krankheitsverlauf, Therapieerfolg und Umwelteinflüssen waren anlässlich der Behandlung in fünf Schweizer Unispitälern, mehreren Kantonsspitälern und Arztpraxen aufgezeichnet worden (vgl. Schweizer IBD Kohorte/www.ibdcohort.ch). Auf diesem Weg fanden die Wissenschaftler bei verschiedenen Patienten unterschiedliche Zusammensetzungen der Darmflora: Zum einen identifizierten sie Bakterien-Signaturen, die mit einem schweren Krankheitsverlauf einhergehen, zum anderen aber auch Bakterien-Signaturen, die bei moderaten Krankheitsverläufen und gutem Ansprechen auf Therapien insbesondere mit sogenannten Anti-TNF α-Wirkstoffen vorkamen.

Therapieerfolg vorhersagen

Das neu gewonnene Wissen über die Zusammensetzung der Darmflora könnte künftig neue und bessere Behandlungen bei chronischen entzündlichen Darmerkrankungen ermöglichen, sagt PD Dr. med. Pascal Juillerat, Co-Erstautor der Studie. „Da wir immer besser verstehen, welche Bakterien wichtig zu sein scheinen und was deren Funktion ist, werden wir in Zukunft wohl in der Lage sein, diese Netzwerke des Organismus direkt zu beeinflussen und so die medizinischen Behandlungen zu verbessern.“ Nach Auskunft des Berner Darmspezialisten kann die bakterielle Zusammensetzung in naher Zukunft möglicherweise als prädikativer Faktor genutzt werden, um das Ansprechen auf eine Behandlung vorherzusagen. Pascal Juillerat: „Solche Vorhersagen bereiten den Weg zu einer personalisierten Medizin. Allerdings sind sie heute noch zu aufwändig, um sie im klinischen Alltag bei Patientinnen und Patienten mit chronischen entzündlichen Darmerkrankungen einsetzen zu können.“

Ein Berner Forscherteam hat die Veränderungen der #Darmflora bei chronischen entzündlichen #Darmerkrankungen untersucht. http://bit.ly/2DOTTd3 #iph
Bakterien-Signatur
Bakterien-Signatur Eine gesunde Schleimschicht (rot) hält Escherichia coli-Bakterien (grün) in sicherem Abstand vom Epithel (der Zellschicht der Darmwand) und verhindert, dass sie in darunterliegendes Gewebe durchdringen.

Weitere Themen