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13. Februar 2019

Die schützende Barriere überwinden

Dr. rer. nat. Antje Appelt-Menzel von der Uniklinik Würzburg erhielt den 3R Science Prize der Europäischen Partnerschaft für alternative Ansätze zu Tierversuchen.

Anstrengungen zur Vermeidung von Tierversuchen werden nicht nur in der Schweiz und vielen anderen Staaten unternommen, sondern auch vonseiten der Europäischen Union unterstützt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die 'European Partnership for Alternative Approaches to Animal Testing', kurz EPAA. Hinter den vier Buchstaben verbirgt sich eine 2005 ins Leben gerufene Einrichtung mit Sitz in Brüssel, in der Vertreter der Europäischen Kommission, von europäischen Handelsorganisationen und drei Dutzend Unternehmen zu einer freiwilligen Kooperation zusammengefunden haben. Die Partner arbeiten auf die Entwicklung, Validierung und Akzeptanz von alternativen Vorgehensweisen hin, die geeignet sind, Tierversuche zu vermeiden, zahlenmässig zu reduzieren bzw. die Belastung der Versuchstiere möglichst gering zu halten. Sie sind damit dem 3R-Grundsatz (replace, reduce, refine) verpflichtet, den der Zoologe William Russell und der Mikrobiologe Rex Burch 1959 im Buch 'The Principles of Humane Experimental Technique' erstmals beschrieben hatten.

Lebendige Zellen nachgeahmt

Um ihre Ziele durchzusetzen, vergibt die EPAA jedes zweite Jahr den '3R Science Prize'. Dieser wurde vor kurzem nun an Dr. Antje Appelt-Menzel von der Universitätsklinik im deutschen Würzburg verliehen. Appelt-Menzel arbeitet am Lehrstuhl für Tissue Engineering und Regenerative Medizin. Sie hat mit ihrer Arbeitsgruppe ein in-vitro-Modell der humanen Blut-Hirn-Schranke entwickelt. Die Blut-Hirn-Schranke ist ein System, das das Gehirn vor giftigen und krankmachenden Substanzen schützt. Gleichzeitig muss diese Barriere überwunden werden, wenn medizinische Wirkstoffe beispielsweise zur Behandlung von Hirntumoren oder einer Alzheimer-Erkrankung ins Gehirn gelangen sollen. Das von dem Würzburger Wissenschaftlerteam entwickelte Modell könnte in der Medikamentenforschung gute Dienste leisten, sagt Dr. rer. nat. Sabrina Oerter, die Antje Appelt-Menzel während des Elternurlaubs vertritt: „Unser Modell der humanen Blut-Hirn-Schranke beruht auf speziell hergestellten Körperzellen, den sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSC). Das Modell soll künftig zum Test von Chemikalien und Substanzen (z. B. für Pharmazeutika) eingesetzt werden und somit erste Tierversuche verhindern. Verbesserung von Wirkstoff-Screenings in der ersten Phase der klinischen Prüfung durch ein standardisiertes humanes in-vivo-Modell der Blut-Hirn-Schranke sind beispielsweise möglich.“

Tausende von Tierversuchen vermeiden

Eine Vorprüfung (Prävalidierung) des neuen Modells ist für Januar 2019 geplant. Nach erfolgreicher Durchführung erfolgt nach Auskunft von Sabrina Oerter höchstwahrscheinlich die Integration des Modells inkl. der zugehörigen Regulationen für Substanztests in das Portfolio der „European Union Reference Laboratory for alternatives to animal testing“ (ECVAM), das pharmazeutischen und anderen Unternehmen als Grundlage für Wirkstofftests dient. Zum Nutzen des neuen Modells sagt Dr. Oerter: „Mit unserem Modell würden bereits zu Beginn der Wirkstoffentwicklung, der sogenannten HIT-Generationsphase, adäquate Humanzellen für erste Substanz-Screenings zur Verfügung stehen. Wir schätzen, dass derzeit in zehn der grossen Pharmaunternehmen zehn bis 20 Entwicklungsprogramme laufen, die 1000 bis 2000 Substanzen innerhalb eines Programms analysieren. Daher kann die Verwendung von geeigneten und validierten Modellen zur Blut-Hirn-Schranke eine erhebliche Anzahl von Tierversuchen reduzieren. Allein für Europa könnten einige tausend Tests reduziert werden.“

Neues Modell der Blut-Hirn-Schranke hat das Potenzial, bei Medikamententests Tierversuche zu vermeiden. #3R http://bit.ly/2SsAEig #iph
Dr. Antje Appelt-Menzel, die Preisträgerin des 3R Science-Preises 2018
Dr. Antje Appelt-Menzel, die Preisträgerin des 3R Science-Preises 2018
 

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