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11. Juni 2019

Flötenklänge für Frühchen

Wenn Babies, die zu früh zur Welt kommen, geeignete Musik hören, unterstützt das deren Gehirnentwicklung. Zu diesem Schluss kommen Forscherinnen und Forscher von Universität und Universitätsspital Genf in einer aktuellen Untersuchung.

Mit elektro-akustischer Harfe und exotischen Klängen verzaubert der Schweizer Komponist Andreas Vollenweider seine zahlreichen Fans. Seine Musik bietet aber nicht nur Lebensfreude und Entspannung, sie ist im eigentlichen Sinn auch Medizin: Zu diesem Schluss gelangen Forscherinnen und Forscher von Universität und Universitätsspital Genf in einer aktuellen Studie. Nach Auskunft der Wissenschaftler unterstützt von Vollenweider eigens komponierte Musik die Gehirnentwicklung von Babies, die vor der 32. Schwangerschaftswoche mit noch unausgereiftem Gehirn zur Welt kamen. Über ihre Erkenntnisse berichteten die Wissenschaftler jüngst in der Fachzeitschrift PNAS.

Störende Reize

Am Universitätsspital Genf kommen pro Jahr rund 80 Kinder zwischen der 24. und 32. Schwangerschaftswoche zur Welt, also bis zu vier Monate vor dem regulären Termin. Kinder, die deutlich zu früh geboren werden, haben ein unausgereiftes Gehirn, und deren Entwicklung wird nach der vorzeitigen Geburt durch störende Reize aus der Umwelt beeinträchtigt. Die Kinder laufen Gefahr, in späteren Jahren neuropsychologische Probleme wie Lernstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite und emotionale Störungen zu entwickeln. Die Genfer Forscher gehen davon aus, dies vermeiden oder zumindest verringern zu können, indem sie den Frühgeborenen in den ersten Wochen nach der Geburt speziell komponierte Musik vorspielen. Die Wissenschaftler konnten in ihrer Studie mittels Magnetresonanztomographie nachweisen, dass sich das neuronale Netzwerk im Gehirn der Neugeborenen in den ersten Lebenswochen dank der Klänge von indischen Punji-Flöten, Harfen und Glocken besser entwickelt.

Bedarf für neuropretektive Wirkstoffe

Im nächsten Schritt wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter nun untersuchen, ob die beobachteten Verbesserungen im Gehirn der Frühchen auch in späteren Lebensjahren vorteilhaft sind. Dies wird möglich sein, wenn die Kinder, die von der Untersuchung erfasst wurden, sechs Jahre alt sind und in die Schule kommen – das ist die Situation, wo kognitive Probleme erstmals klar manifest werden. Dann wollen die Wissenschaftler untersuchen, ob die beobachtete, bessere Vernetzung der Gehirnareale die Kinder tatsächlich vor der Entwicklung neuropsychologischer Störungen schützt. Eine positive Wirkung der Musik wäre sehr wünschbar. Bisher sind keine Medikamente verfügbar, die die Entwicklungsdefizite von Frühgeborenen ausgleich könnten, wie Petra Hüppi, Professorin an der Universität Genf und Leiterin der Division Entwicklung und Wachstum am Universitätsspitsal Genf, betont: «Es gibt einen grossen Bedarf für neuroprotektive Wirkstoffe zur Behandlung frühgeborener Kinder, denn Medikamente sind für die klinische Anwendung bisher kaum verfügbar. In der Literatur werden zwar einige potenziell nützliche Wirkungen des Glykoprotein-Hormons Erythropoetin beschrieben, aber der Langzeitnutzen ist noch unklar. Weitere Wirkstoffe sind in der präklinischen Prüfung, aber diese Studien sind noch nicht am Ziel.»

#Musik hat einen positiven Einfluss auf die #Gehirnentwicklung von Frühgeborenen, sagt eine neue Studie aus Genf. http://bit.ly/2I6lubL #iph
Petra Hüppi, Professorin an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf
Petra Hüppi ist Professorin an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf und leitet die Division für Entwicklung und Wachstum am Genfer Universitätsspital.

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