Themen

7. August 2019

Umprogrammierte Immunzellen bekämpfen Krebs

Seit bald einem Jahr macht in der Schweiz eine neue Generation von Krebsbehandlung Furore: die CAR-T-Zell-Therapie. Bei diesem Verfahren werden Immunzellen des Patienten gentechnisch verändert und damit zum Kampf gegen seine Krebszellen abgerichtet.

Kurz vor der Sommerpause konnte die Universitätsklinik in der deutschen Stadt Leipzig mit einer Erfolgsnachricht aufwarten: Erstmals habe das Spital, so die Medienmitteilung, einen schwer erkrankten Krebspatienten mit einer neuartigen Therapie behandelt: «Der Mann leidet an fortgeschrittenem Lymphdrüsenkrebs. Bei ihm sind alle verfügbaren medizinischen Therapien bereits ausgeschöpft worden.» Nach dem Einsatz der neuartigen Krebstherapie könne der Mann nun wieder Hoffnung schöpfen: «Die ersten Tage haben gezeigt, dass die Therapie angeschlagen hat. Der Patient ist frei von Nebenwirkungen, sein Zustand hat sich bereits wesentlich verbessert», hält das Communiqué des Spitals fest.

In der Schweiz seit letztem Herbst zugelassen

Die Krebstherapie, die in Leipzig jetzt erstmals zur Anwendung kam, ist in der Schweiz schon einige Zeit verbreitet. Swissmedic, die Schweizer Zulassungsbehörde, hatte die Behandlung im Oktober 2018 für den Einsatz bei Patientinnen und Patienten freigegeben. Bei Erwachsenen dient sie zur Therapie eines aggressiven Lymphgewebe-Krebses (diffus grosszelliges B-Zell-Lymphom/DLBCL) und bei Kindern und jungen Erwachsenen zur Bekämpfung eines seltenen, bösartigen Blutkrebses (akute lymphatische B-Zell-Leukämie). Die Therapie aktiviert das körpereigene Immunsystem zur Eliminierung der Krebszellen. Sie wird gemeinhin als CAR-T-Zell-Therapie bezeichnet.

Was steckt hinter diesem sperrigen Namen? T-Zellen (auch T-Lymphozyten genannt) sind weisse Blutzellen, die jeder Mensch in sich trägt und die Teil der körperlichen Immunabwehr sind. Diese T-Zellen leisten in der Regel gute Dienst bei der Abwehr von Fremdkörpern; gegen Krebszellen sind sie aber mitunter machtlos. Medizinische Forscher haben nun allerdings einen Weg gefunden, die T-Zellen so zu verändern, dass sie bestimmte Krebstumoren wirksam angreifen können. Damit dies möglich ist, müssen die T-Zellen mit einem Erkennungs- und Andockmechanismus ausgerüstet werden, der es ihnen erlaubt, Krebszellen zu erkennen, an sie festzumachen und sie zu zerstören.

Ein Eiweiss namens CAR

Dieser Erkennungs- und Andockmechanismus an der Oberfläche der T-Zellen besteht aus einem Eiweiss und heisst CAR (kurz für: chimeric antigen receptor; auf Deutsch: chimärer Antigenrezeptor). Sind T-Zellen mit diesem Mechanismus ausgestattet, werden sie als CAR-T-Zellen bezeichnet. Diese Zellen sind nun in der Lage, sich an Krebszellen anzuheften und diese zu eliminieren. Die so veränderten T-Zellen eröffnen geradezu verblüffende Heilungschancen: Bei Menschen, für die vorher kaum mehr Hoffnung bestand, wurde nach der Gabe von CAR-T-Zellen in der Mehrzahl der Fälle dauerhaft eine vollständige oder zumindest teilweise Rückbildung (Remission) des Tumors beobachtet. Das bestätigt eine mehrjährige, internationale Studie, die Anfang Jahr im angesehenen Fachjournal „New England Journal of Medicine“ erschienen ist.

Die Umwandlung von T-Zellen in CAR-T-Zellen ist ein aufwändiger Prozess: Erst müssen die T-Zellen der Patientin bzw. dem Patienten entnommen werden. Dann werden sie in spezialisierten Laboren gentechnisch in CAR-T-Zellen umprogrammiert. Anschliessend werden sie in den Körper der Patientin bzw. des Patienten rückübertragen, um dort die Krebserkrankung einzudämmen. CAR-T-Zellen bewirken eine sehr effiziente Immunantwort gegen Krebszellen; die Immunzellen werden quasi auf die Krebszellen abgerichtet. Wie sie bei dem eingangs erwähnten Patienten aus Leipzig letztlich wirken, werden die nächsten Monate zeigen. Von einem Erfolg würde er sprechen, sagt der Leipziger Hämatologe Prof. Uwe Platzbecker, der den Patienten behandelt, wenn der Tumor nach drei Monaten mindestens nicht weiter gewachsen und nach einem Jahr im besten Fall komplett oder zumindest zur Hälfte verschwunden sei.

Weitere Krebsarten im Blick

Die beschriebene Krebsbehandlung mit CAR-T-Zellen eignet sich für Krebsarten, die auf malignen (krankhaft veränderten) B-Zellen beruhen. Bei dieser Therapie wird also eine bestimmte Art von Immunzellen (T-Zellen) benutzt, um eine andere Art von Immunzellen (B-Zellen) zu eliminieren. Die mit CAR ausgestatteten T-Zellen erkennen die krankhaften B-Zellen, weil diese das Oberflächenmerkmal CD19 tragen. CD19 kommt nicht nur bei B-Zellen vor, sondern bei 95% der Tumoren, die aus B-Zellen entstanden sind. Vor diesem Hintergrund besteht die Hoffnung, dass Immuntherapien mittels CAR-T-Zellen auch gegen weitere Krebsarten wirksam sein könnten. Klinische Studien prüfen zur Zeit, ob solche «scharf gemachten» Immunzellen neben Leukämien und Lymphomen auch bei anderen Blutkrebs-Erkrankungen sowie bei festen Tumoren eingesetzt werden können.

Bei der #CAR-T-Zell-Therapie werden #Immunzellen eines Krebspatienten fit gemacht zur #Bekämpfung der #Tumorerkrankung. http://bit.ly/31lODXg #iph
Der entscheidende Augenblick: Der erste Patient an der Universitätsklinik Leipzig erhält im Rahmen einer CAR-T-Zell-Therapie sein in einem Speziallabor behandeltes Zellmaterial per Infusion zurück
Der entscheidende Augenblick: Der erste Patient an der Universitätsklinik Leipzig erhält im Rahmen einer CAR-T-Zell-Therapie sein in einem Speziallabor behandeltes Zellmaterial per Infusion zurück.

Weitere Themen